Irgendwann (jetzt) habe ich auch keinen Bock mehr, Brücken zu nageln.
„Nein“, sagte Traveler. „Das Kraut habe ich völlig vergessen. Ich hab nur die Nägel.“
„Schön, hol es mir, mach ein Päckchen und wirf es rüber.“
Traveler betrachtete sein Fenster, dann die Straße und schließlich Oliveiras Fenster.
„Das wird knifflig“, sagte er. „Du weißt ja, dass ich nie treffe, nicht mal aus zwei Meter Entfernung. Im Zirkus hat man sich schon x-mal darüber lustig gemacht.“
„Aber es ist doch fast so, als ob du es mir herüberreichtest“, sagte Oliveira.
„Das sagst du, das sagst du, aber dann fallen die Nägel jemand da unten auf den Kopf, und wir haben die Bescherung.“
(...)
„Besser wäre es, du würdest es holen kommen.“
„Bist du verrückt, Junge? Drei Treppen runter, übers Eis laufen und wieder drei Treppen rauf, das gibt es nicht mal in ´Onkel Toms Hütte`.“
„Du wirst nicht verlangen, dass ich diesen nachmittäglichen Andinismus praktiziere.“
„Das sei fern von mir“, sagte Oliveira fromm.
„Noch dass ich ein starkes Brett aus der Speisekammer hole und eine Brücke baue.“
Das war nur der Auftakt zu einer (un)glaublichen Story in: Julio Cortázar,
Rayuela - Himmel und Hölle, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1983, S. 264. Was dann folgt, kann man fast nicht aushalten, weil sich der ganz alltägliche Wahnsinn immer höher schraubt... (ähnlich wie die Szene mit dem toten Kleinkind im abgedunkelten Raum, von dem die wissenden, anwesenden Freunde der nichtsahnenden Mutter nichts berichten)
Zunächst las ich diese, absolut stark komponierte, vollkommen groteske, und so lebensnahe, metaphorische Szene mit Humor... später stellte sich heraus, dass ich mich momentan in genau selbiger Verfassung befinde. Da war dann mit einem male Schluss mit lustig.
„Dank ständiger Streitereien begannen Talia und Oliveira sich zu respektieren.“ (S. 252) Davon merke ich nun gar nichts mehr.
„Das Laufmädchen hatte einen Stuhl auf die Straße gestellt und schaute zu ihnen herauf. Oliveira grüßte sie mit einer Hand. ´Doppelter Bruch von Zeit und Raum`, dachte er. `Die Ärmste ist davon überzeugt, dass wir den Verstand verloren haben, und sie bereitet sich auf eine atemberaubende Rückkehr in die Normalität vor. Wenn jemand abstürzt, wird Blut sie bespritzen, das ist sicher. Und sie weiß nicht, dass Blut sie bespritzen wird, sie weiß nicht, dass sie den Stuhl dorthin gestellt hat, damit Blut sie bespritzt, und sie weiß nicht, dass sie vor zehn Minuten in der Küche eine taedium-vitae-Krise durchgemacht hat, nur um danach den Stuhl auf die Straße zu tragen. Und dass das Wasser, dass sie um 2.55 Uhr trank, lauwarm und ungesund war, damit der Magen, Zentrum der abendlichen Stimmung, ihr die taedium-vitae-Attacke bereite, die drei Magnesiumsulfattabletten von Phillips auf das beste abgeblockt hätten; aber letzteres konnte sie nicht gewusst haben, gewisse enthemmende oder hemmende Dinge können nur auf einer astralen Ebene gewusst werden, um mich dieser gehaltlosen Terminologie zu bedienen.` (S. 270)
(Cortázar) hat nicht nur das Motiv des
Nagels absolut auf die Spitze getrieben... das Buch redet stellvertretend für uns...
Ist es
Zufall, dass ich momentan darin genau zu diesem Zeitpunkt die Antworten auf unsere Fragen entdecke? Es fühlt sich so an, als kämen die Dinge auf direktem Wege zu mir. Magnetismus, nur zu erfahren, wenn man mit sich im reinen ist...
du, nicht an mich:
„Du misst mir zuviel Bedeutung zu“, (...) (S. 181)
ich, nicht an dich:
„Oh, über diese Dinge kann man nicht selbst entscheiden“, (...) (S. 181)
wir, nicht an uns:
„Alle beide könnt ihr so gut über Milchkaffee und Mate reden, und am Ende begreift man, dass der Milchkaffee und der Mate in Wirklichkeit...“
„Genau“, sagte Oliveira. „In Wirklichkeit. Ergo können wir auf das zurückkommen, was ich vorhin sagte. Der Unterschied zwischen Manú und mir ist der, dass wir beinahe gleich sind. In diesem Verhältnis ist der Unterschied wie ein bevorstehender Kataklysmus. Sind wir Freunde? Ja, natürlich, aber mich würde es überhaupt nicht überraschen, wenn... Weißt du, seit wir uns kennen, und dir kann ich es sagen, weil du es weißt, tun wir nichts anderes als uns gegenseitig zu verletzen. Ihm passt nicht, dass ich bin, wie ich bin, kaum will ich ein paar Nägel geradeklopfen, macht er einen Wirbel, du hast es ja gesehen, und nebenbei zieht er dich mit hinein. Aber ihm passt nur deshalb nicht, dass ich bin, wie ich bin, weil er in Wirklichkeit bei vielem, was mir einfällt, bei vielem, was ich tue, den Eindruck hat, als schnappe ich ihm etwas vor der Nase weg.“ (S. 282)
„Es sind keine Argumente, es sind völlig objektive Beweisführungen. Du strebst danach, dich im Kontinuum zu bewegen, wie die Physiker sagen, während ich höchst empfänglich für die sich jäh überstürzende Diskontinuität der Existenz bin.“ (S. 283)
Es ist besser, wenn wir unsere Nägel nebeneinander klopfen. UND, wenn DU anfängst, Brücken zu
bauen, anstatt sie ständig zu
zersägen.
Auch der geduldigste Zimmermann lässt sich seine krummen Nägel nicht permanent krummer reden und verbiegen,... geschweigedenn gar das ganze Bauwerk zerlatschen. Er besitzt zurecht einen Anspruch auf Würdigung seiner Arbeit.
Ich glaube, du hast den Schrank vom Bett genommen, so dass es emporschnellte und Talita mitsamt der Nägel in das unbewegliche Laufmädchen raste, deren Blutungen dich eiskalt berührten. Am frischen Blut nährt sich der Schwache, dem die Argumente immer dann verloren gehen, wenn der Mandelkern spricht. Deine Einladung zum Mate war hinterlistig. Du wolltest dich mit dem berühmten Namen Talitas schmücken, um die Quoten zu erhöhen.
Was Talitas Arbeit als Zimmermann angeht, hat sie dich entweder eifersüchtig frustriert oder überhaupt nicht interessiert... jedenfalls hast du dich in 99% der Fälle gar nicht dazu geäußert. Sie (ihre Arbeit) war nur insofern für dich wichtig, als dass du sie gern zur Steigerung deines Namens ausschlachten wolltest.
So funzt das aber nicht, mein Lieber. Sie war zu lange Nagel, als dass man sie jetzt weiter krümmen könnte. Wenn du sie wirklich hasslieben würdest, hättest du sie nicht mit der einen Arschbacke eingeladen und mit der anderen wieder hinaus gedrängt- damit hast du deine wahren Gefühle und Ansichten verraten.
Mein Gott, und sie dachte tatsächlich, es wäre ein für allemal gegessen, ihr hättet Frieden geschlossen, könntet euch vertrauen. Dabei kannst du nur trinken und Kriege führen. Du hast ihre Brücken nie gewürdigt, weil du über alle Wasser mitsamt deiner ewig langen Beine hinwegtrittst. Dir ist es auch egal, ob du im Blut oder im dreckigen Wasser watest... am Ufer warten ja zwei neue Hunde, die es verstehen, dich schleimig trockenzuwedeln.
Ich bin mir nicht sicher, ob du überhaupt weißt, wie ein Brückennagel aussieht... dass dir die Brettwerke (*1) von Talita gefallen, ist ihr ein frommer Wunsch... nur wird sie es nie erfahren, denn deine blaue Zunge kann diese Worte nicht aussprechen, ohne die Hunde mit der kratzigen Feder zu verprellen. Die warten nur darauf, dass Talita deine Gunst verliert und den Platz für ihr permanentes Pinkelmarkierungsspiel endlich freiräumt. Hunde müssen die Pisse anderer überpinkeln, sie können nicht anders...
Talita kann den Gestank dieser Pisse nicht ab. Du brauchst diesen Mief zum Atmen, denn damit bist du groß geworden, mit dem Gestank von ganz unten... willst du wirklich dein ganzes Leben lang unter ihrer Brücke schlafen? Sie hat mehrfach angeboten, sich in das unbepinkelte Haus, neben sie schlafen zu legen. Wird sie diese Einladung jemals wieder erneuern wollen, jetzt, nachdem du ihr dein bepisstes Gesicht gezeigt hast, dieses gelbe Etwas, das ihr doch tatsächlich einmal einen Heiligenschein darstellte? Ich sage dir nur eins: gelbe Pisse steht dir nicht!
Eine Frage am Schluss: hast du jemals eine einzige platonische Brücke betreten? Kannst diese Bauwerke überhaupt sehen? Du ahnst nicht das geringste von ihrer Zauberkraft... da gibt es keine Nägel, die verhauen werden müssten, du kannst über sie die Orte erreichen, die euch beiden gefallen...
Ihr seid euch nicht zufällig begegnet, Alter!
du: "Ich hab nur die Nägel.“
ich: „Schön, hol es mir, mach ein Päckchen und wirf es rüber.“
du: "Aber... wieso eigentlich? Für die platonische Brücke braucht es doch keine Nägel!"
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* 1 Findest du es nicht selber grotesk, dass du ihr schon mehrere Brückenaufträge gegeben und bereits in der ersten Bauphase verworfen hast? Meinst du, dass angefangene Brücken nicht auch etwas ruinieren?
Urinieren und ruinieren klingen sehr ähnlich, nicht wahr?