Zumutungen von Kunst oder schlichtes Ritual?

"Das andere Heimatmuseum"
Schloss Lind
St. Marein / Neumarkt
Unser nächstes Buch wird sich mit Bestattungsritualen in der Welt beschäftigen. Per Zufall stieß ich gerade auf dieses grausige Foto und las...
Dieser
Aufsatz war ganz interessant:
"Bevor Särge allgemein üblich wurden, wurden Tote auf einem Brett aufgebahrt und darauf zu Grabe getragen. Nach dem Begräbnis wurden die Bretter verbrannt, sie konnten aber auch bis zum nächsten Todesfall aufgehoben werden. Erst später wurden solche Totenbretter beschriftet, an Hauswänden aufgehängt oder anderen Orten zur Erinnerung an die Verstorbenen aufgestellt. Das Totenbrett kennt aber auch eine zweite Bedeutung. Solche Bretter legte man als Brücke für die Seelen der Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits über Gräben, Bäche und sumpfige Stellen. Sie sollten möglichst rasch verfaulen, damit die Seele zur Ruhe komme. Mancherorts wurden solche Bretter zur Herstellung von Taubenschlägen benutzt. Man glaubte, aus so gefertigten Schlägen entflögen die Tauben nicht.
Das Verhältnis früherer Gesellschaften zu den Toten war schwierig. Es galt, eine möglichst klare Trennlinie zwischen Lebenden und Toten zu ziehen. Es galt, die Rückkehr der Toten - und zwar insbesondere jener, mit denen man in enger Verbindung stand - zu verhindern. Man denke an die mancherorts bekannten Totenfenster, die nach Stunden wieder verschlossen wurden, um die Rückkehr der Seele zu verhindern. Wurden die Bretter, über die der Sarg zum Grab getragen wurde, nach dem Begräbnis wieder entfernt, dann kam dem eine ähnliche Bedeutung zu.
Das Totenbrett ist außer Gebrauch gekommen. Wer will denn heute noch einen Toten aufgebahrt sehen, und schon gar auf einem Brett, mit Stricken festgebunden. Tote sind zu einem Entsorgungsgut geworden. Ihre Entsorgung geschieht professionell, geradezu keimfrei, allen Betriebsauflagen und Bestimmungen des Umweltschutzes entsprechend. Die Erdbestattung bedeutet keine Gefährdung des Grundwassers, die bei der Feuerbestattung auftretenden Emissionen liegen unter den Grenzwerten.
Wenn sich heute noch jemand mit Totenbrettern beschäftigt, dann der Künstler Aramis, der zahllose davon angefertigt hat. Das erste Brett machte er für sich, die nächsten beiden für Frau und Kind, die restlichen für Unbekannte. Seines trägt die Inschrift: "TOTENBRETT DES . ADAM . ARA . MIS . PETER . HANS . 10. II. 1950 RUHE." Diese Bretter sind in dem von Aramis eingerichteten "anderen Heimatmuseum" zu sehen.
(...)
Später sollte ich begreifen, dass man das "andere Heimatmuseum" nicht an den üblichen musealen Kategorien messen darf. Man muss es anders lesen, und zwar nicht über Details, sondern über das Gesamte, die Masse der Objekte. Man muss sich dem eigenen Assoziationsstrom überlassen, den unterschiedlichsten Widerständen, die bei einem geweckt werden. Aramis spricht denn auch von "assoziative Installationen". Dem Einwand historischer Ungenauigkeit ist schon entgegenzuhalten, dass es sich seiner Arbeit verdankt, dass kaum eines der vielen vor allem kleineren Außenlager so gut dokumentiert ist wie das des Schlosses Lind. Zweifellos ist das Projekt Schloss Lind ein Gesamtkunstwerk. Von unten bis oben ist es von leidenschaftlicher Arbeit durchdrungen. Es bedarf ständiger Ergänzung und Wartung. Selbst das Laub auf dem Bretterboden, welches wirkt, als hätte es der Wind zufällig hierher getragen, muss in Position gebracht werden. Überall bedarf es des Augenmerks des Künstlers.
(...)
Der furchtlose Junge im Grimmschen Märchen legt sich mit einem Toten ins Bett, als alle anderen Versuche, ihn zum Leben zu erwecken, scheitern. Und tatsächlich wird er wieder warm und fängt an sich zu regen. Der Junge muss die Erfahrung machen, dass der Erweckte sich als undankbar erweist, versucht dieser doch, ihn zu erwürgen. "