Dem Zufall auf der Spur
Beim Durchblättern nach den Materialien für die neue Rubrik
Waterworld auf eine frühere Arbeit gestoßen und sie freudig hier eingereiht... Ich mag es, wenn sich die Puzzleteile eines Lebens neu und scheinbar sinnfüllend zusammenfügen.

Bestiarium, Flandern, ca. 1270; Illustration (Aquarell) im Buch 5000 Zeichen & Symbole der Welt, S.186
Das Bestiarium/ Buch der Tiere- eines der beliebtesten Bücher des 12. und 13. Jh. wurde in verschiedene Volkssprachen übersetzt und reich illustriert. Ausgangsbasis dieser allegorischen Interpretationen der wirklichen und der Phantasie-Tierwelt war der
Physiologus, eine griechische, frühchristliche Schrift, die man im 4. Jh. ins Lateinische übersetzte. Daraus stammt auch das nachfolgende, ziemlich treffende Zitat, auf dessen Grundlage obige Rekozeichnung entstand:
Der Walfisch hat zwei Eigenschaften:
A. Wenn er Hunger hat, so öffnet er seinen Mund und lässt ihm einen Wohlgeruch entströmen, mit dem er die kleinen Fische anlockt um sie zu verschlingen. Die grossen Fische aber folgen ihm nicht. So verlockt der Teufel die Menschen durch die Sünde; den Vollkommenden aber kann er nicht anhaben. (In anderer Deutung wird dies auch von der Liebe zu schlechten Weibern ausgelegt.)
B. Wenn er mit seinem Rücken an die Oberfläche des Meeres kommt und ruhig bleibt, so halten ihn vorbeifahrende Schiffer für eine Insel;
sie legen ihr Schiff vor Anker, steigen auf ihn aus und zünden ein
Feuer an, um sich ein Mahl zu kochen; sobald er aber die Wärme fühlt, so taucht er mit ihnen in die Tiefe des Meeres. Auch dies ist ein Bild des Teufels, der den, welscher sich auf ihn verlässt, in den Abgrund der Hölle versenkt. [GkS 1633 f.59v]
(Aus dem
physiologus)
Die Illustration ist als moralische Lektion zu verstehen. Zeittypisch wurden hier Beobachtungen der Natur, der dinglichen Welt für das Verständnis der himmlischen Vorgänge herangezogen und heidnisches Material christlich gefärbt.
Eine Besonderheit dieses Tieres (als Seemonster kann Aspidochelone ein
Wal oder eine Schildkröte sein) ist das über lange Zeit regungslose Dahintreiben im Wasser, wobei sein großer Rücken aus dem Wasser schaut. "Nachdem sich dort Sand angesammelt hat und eine Vegetation entstanden ist, halten Seeleute das Tier fälschlicherweise für eine Insel und ziehen dort ihre Schiffe
an Land. (...) Die Seeleute reagieren panisch auf das Abtauchen des großen Tieres, ein Opfer stürzt sich in den Tod, das Schicksal des Mannes, der sich schwach an das Boot klammert, hängt in der Schwebe.
Aspidochelone dient als Allegorie des listigen Teufels, der Sünder täuscht und sie in das Höllenfeuer stürzt." Der kleine Fisch steht für jene, die leicht in Versuchung zu führen sind (angezogen vom süßen Atem des Wals) und so vom Teufel verschlungen werden.
(Adam S. Cohen in
Meisterwerke im J.Paul Getty Museum- Illuminierte Handschriften, Los Angeles, 1997, S. 49)
Weitere Bildmotive (nach S. Frotscher):
- die Kutte weist den Bootsmann als Mönch aus
- der rechte Bootsmann betet zum Himmel
- der Segelmast besitzt die Form eines Kreuzes
- Vierpassblüte in den Ecken
Der selbe Sachverhalt scheint hier in dieser im 17. Jh. veröffentlichten Illumination aus der
Danish Royal Library, Bestiary of Anne Walsh aufgegriffen worden zu sein- allerdings um Längen schwächer, weniger ausdrucksstark:

The Aspidochelone, from a 1633 ms in the Danish Royal Library
Interessant finde ich auch, dass JRR
Tolkien in
In The Adventures of Tom Bombadil, diese Geschichte beleiht und in den folgenden Vers für Middle-earth gießt:
Fastitocalon
Look, there is Fastitocalon!
An island good to land upon,
Although 'tis rather bare.
Come, leave the sea! And let us run,
Or dance, or lie down in the sun!
See, gulls are sitting there!
Beware!
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