Kommentar zur "Gilde der pechschwarzen Liebe" (Teil 7) von Michael Perkampus
Kommentar (Version III)
Diesen Teil kommentierte ich bereits zwei mal- im Sommer und im Winter 2006, bevor die letzte LA schloss.
Es stellte sich nach der Interpretation einer Kollegin und nach meinen bisherigen Kommentaren zur Gilde wieder einmal heraus, dass es unglaublich ist, wie sehr sich die Sichten zu ein und dem selben Text unterscheiden und ändern können- in Abhängigkeit von der jeweiligen Lebenssituation des Lesers... ich hatte meinen alten Kommentar ausgebuddelt und wunderte mich. Damals schrieb ich :
„Ein merkwürdiger Kontrast zwischen intimster Situation und öffentlichem Hurengeschäft überquert mich beim Lesen.“ Dieser Eindruck stellte sich auch bei neuerlichem Lesen ein. Es werden wunderschöne allgemein menschliche, erotische, Erfahrungen beschrieben und eine eher in der Öffentlichkeit spielende Rahmenhandlung in Bezug gesetzt.
Interessant, wie du alles auf das Ich lenkst..."sich selbst im anderen lieben können" - eine interessante Sichtweise. Man liebt sich selbst ein wenig mehr, wenn man geliebt wird, erfährt scheinbar einen Bedeutungs-, Wertzuwachs durch den liebenden Menschen.
Es fängt mit "ihren Augen" an und endet in "deinen Augen".
Mysteriös! Man rätselt, was das wohl bedeutet. Obwohl vordergründig immer das Nuttenmilieu (du legtest damals Wert darauf, dass es ehrenwerte Huren sind und keine Nutten, die schimpfwörtlich zu sehen wären) durchscheint, gibt es gleichzeitig Gewebe, dass eher nach einer vertrauten Person ausschaut, einer, die nicht zum Milieu gehört, nicht im Rampenlicht steht- sondern im Hinterhof, und dann auch noch verletzt (?). (sehe ich heute nicht mehr ganz so)
Mir gefallen neben dem "Spiegeln im Auge des Gegenüber" und dem "sich selber im anderen lieben" auch:
im andren Organismus
den neuen Menschen auszurufen
(...)
Ich laufe über atmende Haut
hinweg mit blinkenden Wimpern
(...)
Da liegt die Antwort bar und blaß
in meine eigene Hand gekerbt, die ich nicht lesen kann
ohne an ein Spinnennetz zu denken
Im ganzen las ich das wie eine Rückkehr vom Licht in das Dunkel- wobei die beiden Pole diesmal umgekehrt besetzt sind- mit negativem (grelles Rampenlicht, Beifall von der Bühne, sich gegen Geld zur Nutte gemacht zu haben) und positivem (Ruhe, Ein- und Zweisamkeit). Das Spinnennetz steht dann vielleicht eher für die Erkenntnis, in einer Rolle gefangen gewesen zu sein, in einem System mitgespielt zu haben, das man nicht braucht. Dann wäre allerdings die Sinnebene "Gang ins Hurenviertel" hinfällig.
Man spricht mit diesem Bild des Gefangenseins in einem Spinnennetz auch davon, jemandem zu erliegen (freiwillig oder unfreiwillig), ihm nicht entrinnen zu können. (nach der Betörung durch die Liebe).
Zweitens steht das Spinnennetz für mich eher für das freiwillige Gefangensein in den Armen einer Frau. In der Interpretation der Kollegin las ich ein optimistisches Grundgefühl durch die Zeilen, alles wird in einem schönen Licht gesehen, es geht um Verliebte.
Das fleckige Laken riecht nach einem Hauch der Prophezeiung
die man mir über dich angab
in Gassen der Liebesspieler, Kartenhäusern, Pfützenstrassen
Da liegt die Antwort bar und blaß
in meine eigene Hand gekerbt, die ich nicht lesen kann
ohne an ein Spinnennetz zu denken
Stand für mich nach damaliger Lesart als der Gang zur bezahlten Liebe. Der Protagonist entdeckt die Vorzüge einer Hure und gleichzeitig seine Abhängigkeit vom Sex. Er sieht sich seiner Gier unterworfen- allerdings nicht abwertend. Ein Spinnennetz kann drittens auch bedeuten, dass man sich wissentlich in die Arme eines anderen begibt, weil in jeder Beziehung- und sei sie noch so offen- immer auch die Möglichkeit des davon Abhängigwerdens steckt.
Wenn man etwas nicht lesen kann- meint man oft auch das Nichtverstehenkönnen des anderen Geschlechts und der eigenen Person. Es fällt schwer, die Geheimnisse eines Menschen zu ergründen.
Ich lese heute „Da liegt die Antwort bar und blaß in meine eigene Hand gekerbt“ auch auf Körperliches bezogen: eine Frau/ ein Mann kann sich unter den liebevollen Händen des anderen öffnen, wird bereit für die gemeinsame Reise.
Zusätzlich klingt an, dass man Antworten in Bezug auf eine Beziehung in sich selbst finden könnte, wenn es gelingt, seine eigenen Lebensspuren zu lesen, die sich nicht ohne weiteres encodieren lassen, weil man einfach zu dicht in der Sache steht. Es scheint leichter, das Schicksal eines anderen zu verstehen, als das eigene Leben.
*
Eine liebevolle Frau, die einige Blessuren hinter sich hat, woher auch immer, erwartet ihn freudig, das Pärchen begrüßt sich stürmisch und wird von den Fenstergaffern des Viertels bzw. von den Huren, die auf die Straße blicken, mitfühlend bepfiffen und bejohlt. Sie nehmen Anteil an der Freude und vielleicht handelt es sich auch um eine Hure, die immer wieder vom Protagonisten aufgesucht wird, in die sich selbiger ernsthaft verliebt hat.
„Es stoppt der Gang durch jene Schluchten
dort sie Leidenschaft aus Fenstern hängen“
Vielleicht hören diese Gänge zu den Huren in Zukunft auf, da die beiden sich selbst genügen? Die Hure wird ihre Arbeit zugunsten des einen aufgeben.
Währenddessen die vorherigen Teile sich in einem alten Schloss bzw. im Theater abspielen könnten, sehe ich hier eher Bezüge zu einem städtischen Milieu und weniger Theaterszenen oder Zeitensprünge als vielmehr Realität. Dennoch funktioniert die Vereinbarkeit mit dem vorherigen Teilen durch den Kunstgriff auf einen Vergleich mit dem Theater:
„als wären wir Theaterleut
im Kabarett der Strasse
Kabinett im Morgengrauen“
Der Applaus der mitfühlenden Huren und Straßenzuschauer bei der innigen Umarmung des Pärchens erinnert einfach an den Applaus der Bühne.
Ich sehe einen Rahmen für eine Erlösungsstory der Prostituierten (blaue Flecken vom Zuhälter, der verbot, sich mit dem Protagonisten zu treffen), die einen neuen Weg gefunden hat... vielleicht hinaus aus einer heimlichen Liebe, einer vom Zuhälter verbotenen, von der das Milieu allerdings Kenntnis hatte.
Und nun wird klar, dass es sich bei der Gilde auch um ganz verschiedene Spielarten „pechschwarzer Liebe“ handeln könnte. Schwarz in der Bedeutung von verboten, unheimlich/ geheimnisvoll, düster, dunkel, ungewöhnlich, unergründlich..., mit dem Zusatz "pech" für aussichtslose Liebesbeziehungen?
Die nachfolgenden Gildeteile wurden von mir noch nicht kommentiert. Es wäre nun auch günstiger, sie im ganzen zu betrachten, nachdem alle auf Michaels Webseite veröffentlicht worden sind.
Zu weiteren Gildeteilen mit Bild und Text












