... beim Räumen aufgestöbert...

BF, Durchdruck eines Linolschnittes, 1988
... und bei Licht gesehen, musste ich jetzt schmunzeln...

Linolschnitt für eine Neujahrsgrafik, BF, 1988
Antal Szerb (1.5. 1901 in Budapest- 27. 1. 1945) war ein ungarischer Schriftsteller, der auch auch unter dem Pseudonym A. H. Redcliff schrieb, und in Ungarn einer der meistgelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts ist.
Vor zwei Jahren las ich Reise im Mondlicht, dtv 2003, ISBN 3423243708, bereits 1937 geschrieben und 1974 unter dem ersten Titel "Der Wanderer und der Mond" erschienen.
Aus diesem Roman ist mir besonders diese Darstellung in Erinnerung haften geblieben:
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie realitätsfern sie waren, wie sehr sie vor jeglichem praktischen Aspekt des Lebens zurückschreckten. Eine Zeitung sah man in ihren Händen nie, sie hatten keinen blassen Schimmer, was in der Welt geschah. (...)
Sie standen überhaupt in jeglicher Hinsicht außerhalb der gewöhnlichen Ordnung des Lebens. Es konnte geschehen, dass sich Éva nachts um zwei an ihr Französischheft erinnerte, das sie in der Woche zuvor auf dem Svábhegy hatte liegen lassen, und so standen beide auf, zogen sich an, stiegen auf den Svábhegy und spazierten bis zum Morgen dort umher. Am nächsten Tag fehlte Tamás in der Schule, königlich gelassen. Éva stellte ihm ein Entschuldigungsschreiben aus, inklusive Unterschrift des Vaters. Sie selbst ging überhaupt nicht zur Schule, sie hatte keinerlei Beschäftigung, sondern vergnügte sich allein, wie eine Katze.
Man konnte bei ihnen auftauchen, wann man wollte, man störte sie nie. Sie machten weiter, woran sie gerade waren, als wäre man gar nicht da. Auch nachts war man willkommen, aber als Gymnasiast durfte ich in der Nacht keine Besuche machen, höchstens nach dem Theater, für eine kurze Weile – und ich träumte fortwährend davon, bei ihnen zu übernachten.
Später habe ich in einem englischen Essay gelesen, dass ein Hauptcharakterzug der Kelten in der Auflehnung gegen die Tyrannei der Tatsachen bestand. In dieser Hinsicht waren die beiden Ulpius Kelten. Nebenbei bemerkt, schwärmten sowohl Tamás als auch ich für die Kelten, für die Gralslegende und Parzival. Wahrscheinlich fühlte ich mich deshalb so wohl bei ihnen, weil sie so keltisch waren. Bei ihnen fand ich mich selbst.. Jetzt wußte ich, warum ich mir zu Hause immer so peinlich fremd vorkam. Weil dort die Tatsachen herrschten. Wirklich zu Hause war ich bei den Ulpius. Ich ging jeden Tag zu ihnen und verbrachte die ganze Freizeit dort. (...)
Und doch hatte ich den beiden Ulpius gegenüber ein schlechtes Gewissen. Ich hatte das Gefühlt, sie zu hintergehen. Denn was für sie eine natürliche Freiheit war, war für mich eine schwere, verkrampfte Rebellion. Ich bin zu bürgerlich, zu sehr dazu erzogen, wie du ja weißt. Ich musste tief einatmen, und es kostete mich große Überwindung, die Zigarettenasche auf den Boden zu streuen, während die beiden Ulpius nichts anderes kannten. Wenn ich mich zuweilen heldenhaft dazu durchrang, mit Tamás die Schule zu schwänzen, hatte ich den ganzen Tag Magenkrämpfe. (...)
>>... hat es da nie einen unschuldigen Flirt zwischen dir und Éva Ulpius gegeben? Schwer vorstellbar.<< >>Nein, wirklich nicht.<< >>Wie ist das möglich?<<
>>Wie?...ja, wie?... Wahrscheinlich so, dass wir ein derart intimes Verhältnis hatten, dass wir nicht flirteten und nicht ineinander verliebt sein konnten. Für Verliebtheit braucht es Distanz, über die hinweg sich die Verliebten einander nähern. Das Sich-Nähern ist natürlich illusorisch, da Liebe in Wirklichkeit Entfernung bedeutet. Liebe ist Polarität – die beiden Liebenden sind die zwei gegensätzlich geladenen Pole der Welt...<<
S. 30 ff.)
">>Und das ist gut?<<, fragte Erzsi.
>>Ja, sehr gut<<, sagte der Perser. >>Sehr gut. Man ehrt eine Sache viel eher, wenn man auf sie warten, um sie kämpfen und leiden muß. Oft denke ich, daß die Europäer gar nicht wissen, was Liebe ist. Und in der Liebestechnik kennen sie sich tatsächlich nicht aus.<<
Seine Augen glühten, seine übertriebenen Gesten waren dennoch vornehm - ungezähmte, echte Gesten. (S. 227)
(...)
Doch dann spürte sie, daß es nicht das war, was sie einlullte, sondern der Blick des Persers, der zuweilen über sie strich. Es war ein zärtlicher, warmer, gerührter Blick, ganz anders als die Blicke aus kalten, blauen, europäischen Augen. Eine animalische Wärme und Sicherheit lag darin. Einlullend. Ja, dieser Mann liebte die Frauen ... aber nicht einfach so ... nicht weil er ein Mann war, sondern weil die Frauen Frauen waren, liebenswürdig, liebesbedürftig." (S. 232)
Antal Serb im Roman Reise ins Mondlicht, dtv, 2003
"ich will groß wirken -
so ca. zwei meter...
also eine besteigung wert."
(ein kunde beim schneider,
als er die zu tragenden schuhe
für den neuen maßanzug beschreibt,
damit der schneider die endgültige
länge der hosenbeine festlegen kann
- arte, 24.04.08)
Beim Stichwort
Spirale bin ich seit einigen Jahren hellhörig... alles, was mir über den Weg läuft, verfolge ich mit Interesse- in letzter Zeit auch wegen des
Danaë - Projektes. Doch dieser Fund mache mich sprachlos. Ich spüre dem warmen menschlichen Atem unentdeckten Landes bei Cortázar nach...
Liebesspirale in Neufundland, Illustration zu Julio Cortázar in Rayuela - Himmel und Hölle; BF, 4/ 2008; Acryl, 29 x 41 cm
„Damals, an jenem Nachmittag, erlebte er einmal mehr, ironischer und ergriffener Zeuge seines eigenen Körpers, die Überraschungen, die Wonnen und Enttäuschungen der Zeremonie. Ohne es zu wissen, hatte er sich an die Rhythmen der Maga gewöhnt, und nun riß ihn plötzlich ein neues Meer, ein anderer Wellenschlag aus dem Automatismus heraus, konfrontierte ihn, schien dunkel seine von Götzenbildern verstellte Einsamkeit zu verraten.
Zauber und Entzauberung war`s, von einem Mund zum andern überzugehen, mit geschlossenen Augen einen Hals zu suchen, an dem andächtig die Hand geschlafen hat, und zu fühlen, dass die Biegung eine andere, der Haaransatz kräftiger ist, eine Sehne sich kurz zusammenzieht, in der Anstrengung, sich aufzurichten, um zu küssen oder zu beißen.
Jeder Zoll seines Körpers begegnet einer köstlichen Ungewohnheit, sich ein wenig mehr strecken oder den Kopf tiefer halten zu müssen, um den Mund zu finden, der sonst hier ganz nah war, eine schmalere Hüfte zu streicheln, eine Reaktion hervorzulocken, die dann ausbleibt, zerstreut darauf zu bestehen, bis man schließlich merkt, dass alles neu erfunden werden muß, der Kodex noch nicht festgelegt worden ist, dass Schlüssel und Ziffern von neuem entstehen und auf etwas anderes antworten werden.
Gewicht, Geruch, Klang eines Lachens oder eine Bitte, Tempi und Beschleunigung – nichts stimmt überein und ist doch gleich, alles entsteht von neuem und ist doch gleich, alles entsteht von neuem und ist doch unvergänglich, die Liebe spielt Sich-selbst-Erfinden, sie flieht vor sich selbst, um in ihre erstaunliche Spirale zurückzukehren, die Brüste singen auf andere Weise, der Mund küsst tiefer oder wie von ferne, und in einem Augenblick, in dem früher etwas wie Wut und Angst war, ist jetzt das reine Spiel, der unglaublichste Mutwille, oder umgekehrt: zu der Zeit, da man früher in den Schlaf fiel, in das Gestammel süßer törichter Worte, herrscht jetzt eine Spannung, etwas Nichtmitgeteiltes, aber Gegenwärtiges, das nach Äußerung verlangt, etwas wie eine unersättliche Wut.
Nur die Lust in ihrem letzten Flügelschlag ist die gleiche’; vorher und nachher ist die Welt in Stücke gegangen, und man muß sie von neuem benennen, Finger um Finger, Lippe um Lippe, Schatten um Schatten.“
(Julio Cortázar in
Rayuela - Himmel und Hölle, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1983; S. 443 f.)
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