Uhren / Zeiten / Geschichten zutragen

Die Geschichte des Uhrenträgers
Wer die Uhren tragen kann, kann auch die Zeit (er-) tragen, kann auch die Geschichten mit sich nehmen und den Menschen bringen, der findet sich selbst /nicht/ wieder oder doch... weil er schließlich in allem Märchenhaften etwas allgemein Menschliches wieder findet?
Die Gesänge der Uhren dieser Erzählung scheinen um ein Thema zu ticken, dass sich nur grob umreißen lässt: Lust und Frust, Nichterfüllung und gewaltsame Eroberung. Im großen ganzen hinterlässt die Lektüre bei mir ein Gefühl von Dunkelheit, tiefster Einsamkeit und Nichtverstandenwerdens, tiefer Verunsicherung und, natürlich... Melancholie.
Uhren herumzutragen, hört sich zunächst im Büchlein wie die Begleiterscheinung eines traditionsreichen Handwerks an. Der Sohn einer Uhrmacherfamilie, Franz-Anton, scheint zu nichts anderem zu nützen, als zum Verkauf dieses kunsthandwerklichen Produktes... (Und dabei lehnt der Autor das Kunsthandwerk vehement ab. Natürlich in Bezug auf die Kunst.)
Die individuellen Besonderheiten des Franz-Anton kommen, wie die seiner Mitmenschen, im kleinkarierten Dorf unter die Räder. Die Tradition, die Altvorderen haben das Sagen. Träume, Bewusstseinsspaltungen (?) und Triebe erfassen jedoch sogar den Lehrer und führen augenscheinlich vor, wie hilf- und machtlos selbst der Gebildetste unter ihnen ist.
Die Uhren als Zeichen für Präzision und Fortschritt verweigern zwar nicht ihre angestammte Funktion, weil man sie aber auf eine bestimmte Weise miss- bzw. ge-brauchen, weil betreten kann, werden sie auch zum Objekt des Aussteigens.
Missbrauch findet im ganzen Buche statt: Menschen werden zu niedrigsten Arbeiten versklavt, sexuell missbraucht, getötet. Ihnen werden die Persönlichkeitsrechte versagt, das Wort Mündigkeit schien noch nicht erfunden...
Märchenhaftes begehrt Einlass in des Menschen Herz. Franz-Antons Uhrentransport gestaltet sich wie ein Ausbruch aus dem Milieu, den er einerseits freiwillig- andererseits unfreiwillig vollzieht. Märchenhaftes (Zwerg) schleicht sich an ihn heran und zieht ihn vollkommen aus der normalen Zeit. Krampfhaft versucht er sich an Altbekanntes zu klammern (Karte), was ihm in der neuen Welt allerdings gar nichts nützt. Auch die Erfindung dieses Orientierungssystems bringt ihm nichts... er muss sich auf etwas einlassen, das ihm unbekannt erscheint. (z.B. im Gasthof) Seine Ratio ist am Ende...
Und ganz unmerklich wird er auf eine Theaterbühne gezogen (in Strassburg?)... das Dasein beginnt sich plötzlich um ihn zu drehen. Weder er, noch der Leser wissen, wie ihnen geschieht. Trägt er die Geschichten, wird er von ihnen getragen, trägt man ihm die Geschichten zu oder beeinflusst er sie? Mein Eindruck: von allem ist etwas dabei- doch das muss der Leser selbst herausfinden...
Ratlosigkeit, ja.
Und das meint Michael Perkampus anscheinend auch, wenn er in seinem Nachwort von Geschwindigkeit, raschem Wechsel, fehlender Ordnung, Verwirrung und Fragmentarischem redet.
Es beginnt etwa ab der Mitte immer schneller zu kreiseln, Motive von Teil 1 werden wieder aufgegriffen und ineinander verwoben, scheinen nicht vollends chaotisch, weil es immer auch sinnbeladene Fragmente gibt, die an Spiegel unserer selbst erinnern. Ich fühle mich im ganz alltäglich empfunden Chaos von Zeit, Raum und Geschichte wieder. Das eben noch Greifbare, Sinnhafte, Verstandene und Gefühlte flutscht früher oder später noch jedem aus der Hand. Bewegung ist alles. Dies bekommen wir anschaulich vorgeführt - sowohl inhaltlich, als auch formal.
Von wegen Schönwald!
Den erhobenen Zeigefinger findet man hingegen bei Michael Perkampus nicht, wohl aber metaphorische Bilder, Gleichnisse, die dem Sehenden erscheinen. Einige davon möchte ich hier kurz vorstellen- mögen sie auf das Buch neugierig machen:
"So lieben wir: Wir kochen Suppe auf und fischen die feisten Brocken, die nach oben strömen, mit dem Löffel ab." (S. 68)
"Das kitzelt in mir drinnen. Meinst du, ich könnte das alles verstehen, wenn ich je in der Schule gesessen hätte?" (S. 77)
"Die Realität erhebt sich wie ein Mantel, der von unten nach oben geworfen wird,..." (S. 76)
"Dann flitzt ein Riß ins Mauerwerk, ein Scheiden der Elemente altertümlicher Baukunst. Es bricht nichts ein, es ist ja nur ein Teil der Welt, wie alle Bühnen eben." (S. 101)
Trotz dieses schwermütig anmutenden Stoffes erhellt Perkampus den Leser immer wieder mit dem, von ihm gewohnten Sprachspiel (so z.B. im Buch Seelen am Ufer des Acheron) - wie wir anhand der wenigen Auszüge unschwer erkennen können- sowie mit interessanten philosophischen Überlegungen.
"Alles was ich sah, prägte mich nicht, aber was ich fühlte." (S. 109)
Besser kann man nicht zusammen fassen. Die in weiteren Strecken traumhaft anmutende Konsistenz mit den unterschiedlichen Emotionsfarben des Textes prägt sich ebenso ein, wie die starken Gefühle unserer Träume, die weit über all dem dortigen Visuellen und damit Konkreten stehen. Insofern hat Perkampus recht, wenn er meint, dass das Neonlicht des Supermarktes nicht geeignet ist... zwar in Bezug aufs Schäferstündchen gesehen- und dennoch auch in Bezug auf seine und unsere Traumwahrheiten, die eher gefühlt werden und aus denen wir mitunter mehr ziehen können als irgendwoandersher. Der Verstand lässt sich vom Visuellen, vom Äußerlichen ebenso täuschen, wie von der Emotion. Antworten liegen überall und nirgends. Meist wird dennoch alles von einer starken Emotion gehalten... und diese kommt bei Perkampus ganz gewiss nicht zu kurz. (siehe Rosalinde, Rosenrot, Elisabeth)
"Herz, wohin so spät?
Ins Meer des Blutes, ins Meer, ins Blut!" (S. 96)
Ich empfehle das Büchlein ebenso gern weiter.
Illustrationen zu: Die Geschichte des Uhrenträgers
Illustrationen zu: Die Geschichte des Uhrenträgers 2
Illustrationen zum Motiv der Harfnerin
Im Feuchtbiotop eines Liedes
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tja - 20. Mrz, 12:11














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