Bilderrätsel - Georges Hugnet
-Dem Zufall auf der Spur-
(Materialsammlung zum Zufall in der Kunst -1-)

Portrait of Georges Hugnet, Dora Maar
Der hier vorzustellende Künstler nutzte den Zufall in verschiedenen bildgebenden Verfahren wie der Decalcomanie und der Collage (1).
Bilderrätsel (2) spielen auch in diesem Blogg eine kleine Rolle- unterscheiden sich aber grundlegend (nicht nur technisch) von den o.g.
Der Künstler
Georges Hugnet wurde 1906 in Paris geboren. Er verbrachte den größten Teil seiner frühen Kindheit in Buenos Aires, Argentinien, und lebte ab 1913 wieder in Paris. Bereits in frühen Jahren war er sehr aufsässig und entwickelte sich später zu einer kämpferischen, hartnäckigen Natur, lag ständig in Streit mit Verlagen, anderen Künstlern, Dichtern, Freunden, der Familie und das seine gesamtes Leben lang.
Einflussreiche Freunde und Mentoren förderten seine Karriere. (ab 1920 Freundschaft mit Marcel Jouhandeau und Max Jacob). Während dieser Zeit befreundete sich Hugnet auch mit einer Reihe anderer einflussreicher Künstler des frühen 20. Jahrhunderts, wie Joan Miro, Marcel Duchamp, Pablo Picasso, Tristan Tzara, Man Ray, Jean Cocteau.
Hugnet war ein Mann mit vielen Talenten.
Er stieß 1926 zu den Surrealisten, nahm an vielen ihrer Aktivitäten teil - dichtete, schuf Collagen und Bücher und Bucheinbände für surrealistische Publikationen, in eigener Regie, als auch in Zusammenarbeit mit Freunden, wie Marcel Duchamp, Joan Miro und Pablo Picasso.
Mit finanzieller Unterstützung seines Vaters, einem Möbelhersteller, gründete Hugnet einen Verlag (Les Editions de la Montagne) um seine Werke und die seiner Freunde, darunter Tristan Tzara, Pierre de Massot, und Gertrude Stein, zu veröffentlichen.
Er übersetzte, schrieb Drehbücher, sammelte seltene und gestaltete Bücher bis zu seinem Tode im Jahr 1974.
1. Décalcomanie und Collage
1.1. Décalcomanie
Dieses Verfahren ist auch bekannt unter anderen Bezeichnungen wie "Klecksographie" oder "Abklatschtechnik". Sie ist dem Bereich der Monotypie zuzuordnen.
Dabei handelt es sich um ein Farbabzugsverfahren, dessen Entdeckung nach der Quellenlage unterschiedlichen Künstlern zugeschrieben wird- z.B. Max Ernst oder dem spanischen Maler Oscar Domínguez, der in Paris lebte und sich dem Surrealismus 1935 anschloss.
>>Marcel Jean beschreibt, wie Oscar Dominguez 1935, also relativ spät in der Geschichte des Surrealismus, zufällig das Verfahren der Décalcomanie entdeckt:
"Er hat mit einem Pinsel Deckfarben auf ein glattes Papier verteilt, ein zweites Blatt auf die frische Farbe gelegt und dann beide Blätter getrennt: die zerdrückte Farbe schuf Felsen-, Wasser- und Korallenlandschaften. Die Gruppe nahm die neue Technik mit Begeisterung auf und stellte mit Eifer solche Décalcomanien her. 'Minotaure' reproduzierte in Nr. 8 mehrere von ihnen. Breton schrieb eine Einführung dazu und Benjamin Péret eine phantastische Erzählung, zu der ihn die neuen Bilder angeregt hatten." << (E. Brügel, Praxis Kunst Zufallsverfahren, Hannover, Schroedel, 1996; S. 108)
Dominguez interpretierte seine Marmorierungen meist als imaginäre Landschaften. André Breton (?) hingegen begnügte sich damit, den Farbabklatsch mit einem Titel zu versehen.
Klar ist jedefalls, dass diese Technik der Forderung der Surrealisten nach der Ausschaltung des steuernden Bewusstseins zugunsten der Kräfte des Unterbewussten nahe kam, da sie zur Einbeziehung des Zufalls in den Gestaltungsprozess führte.
Max Ernst assoziierte die im Farbabzug entstandene Strukturen zu mystischen Traumwelten aus. Er bezog weitere Techniken ein, die das Gesehene/ Interpretierte heraushoben, fasslicher machten- u.a. die Frottage, Grattage, Collage, Zeichnung und die Malerei. Die Ergebnisse zeigten phantastische Figuren, Tiere oder Fabelwesen, geheimnisvolle Landschaften und Bauten.
Damit wird sich ein weiteres Kapitel der Materialsammlung beschäftigen.
Die Décalcomanie zielt nicht stets darauf ab, ein Motiv abzubilden, sondern fungiert ebenso als eigenständiges Werk, ohne Weiterbearbeitung.
Das experimentell-spielerische Verfahren erzielt stets neuartige und verblüffende Ergebnisse. Fingerdruck, Reiben, Knüllen usw. ermöglichen Variationen, führen zu immer neuen Bildgefügen- nicht nur bei eingesetzten Farbwechseln.
Es gibt schier unendliche Möglichkeiten der bildnerischen Interpretation der Zufallsstrukturen dieser Technik- in Abhängigkeit des Betrachters mit all seinen Erfahrungen, Träumen, Wünschen, Sehnsüchten, Zielen, Stimmungslagen usw. Das macht diese Technik so reizvoll. Imaginationskraft und Phantasie beeinflussen das Interpretierende Sehen und Um- und Ausgestalten.

Portrait automatique de l'automate d'Albert-le-Grand [Automatic Portrait of the Automaton of Albertus Magnus], Georges Hugnet, Dècalcomanie, 1938 (Bildquelle)
Hugnet widmete den satirische Titel seiner Arbeit einem Porträt von Albertus Magnus, einem deutsche Theologen und Alchimistaus des dreizehnten Jahrhunderts, der von der surrealistischen Gruppe verehrt wurde.
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Quelle
1.2. Collage
Das Verfahren der Collage wurde in diesem Blog bereits ausführlich besprochen. Man kann hier zahlreiche Illustrationen von mir in Collagetechniken sehen , z.B. zu Werken von Michael Perkampus, der sich momentan wieder selber eingehend, in brillianter Weise, zum Thema Objektiver Zufall (Zufall oder Notwendigkeit/ Liebe) äußert und mich immer wieder dazu inspiriert, den Zufall künstlerisch zu nutzen.

Untitled (from the series "La Vie amoureuse des Spumifères"), Georges Hugnet , 1948, Works on Paper, Gouache on vintage carte postale

C'est qu'elle sait être plus jolie encore la machine infernale , Georges Hugnet, 1936, Collage mntd

Untitled (from the series "La Vie amoureuse des Spumifères"), Georges Hugnet, 1948, Works on Paper- Gouache on vintage carte postale (ca. 1920) (Bildquelle)
2. Bilderrätsel
Beim Stöbern im Buch Surrealismus in Paris, 1919-39 stieß ich auf den interessanten Artikel des vorgestellten Künstlers. Er bezieht sich nicht nur auf die wahrnehmungspsychologische Zusammenhänge, sondern auch auf die Kunst des Sehens, auf den Zufall, auf die Macht der Imagination, der Visionen, auf den Zauber, der hinter den Dingen wohnt.
"Die Geographie der Wolken und alten Gemäuer, die Stätten und die hängende Flora der Marmortrümmer und der Achate, die zähen Halluzinationen der Kindheit, die Wirkungen des Zufalls, lassen eine Perspektive aus neuen Visionen ahnen, die sich durch das Gedächtnis hindurch ineinanderschachteln.
Gegenstände, die plötzlich ihre Geistergestalt freigeben, das, was man anders liest, was sich belebt im Herzen eines vertrauten und doch nie gesehenen Dings, die belegen ein geheimes Leben, an dem wir bedauern, dass wir es nicht in der hohlen Hand schlagen spüren.
Verstehen heißt, sich vorstellen, sich vorstellen heißt voraussehen.
Was uns umgibt, träumt gleich uns. Angesichts solchen Lebens, uns so fremd wie das eigene, geben wir Namen und Definitionen, uns zu beruhigen.
Bilderrätsel sind gewollte Träume. Sie träumen nur viel tiefer.
Spielen mit dem Feuer. Daher tragen sie das System der paranoischen Kritik an seinen äußersten Punkt und überschreiten ihn.
Die Hand, die um jeden Preis die Bilder in ihre Teile zu zerlegen sucht, sieht schließlich automatisch hier, was dort ist. Sie verrät sich besser, weil sie daran gewöhnt ist, sich zu verraten. Immer auf der Schwelle des Unsichtbaren. Alles verbirgt sich in allem, und der Horizont redet.
Man müsste Muße haben, einige der Bilderrätsel, die voller Lehren sind, gesondert zu prüfen. Die Art, das Problem zu stellen, dieses selbst und seine Lösung, sind ebenfalls Gegenstände der Analyse. Sie liefern denen sichtbare Beweise, die von einer noch wenig bekannten Psychologie fasziniert werden.
Wer präsidierte dieser ganzen geheimen Organisation, die dieses Tier, dieses Haus, diesen Mann sich mit Gesichtern bedecken lässt, mit mehr Gesichtern, als man suchen, als man finden muss? Das Auge des Befragten gerät in Halluzinationen wie die Hand des Fragenden. Das Bilderrätsel ist zweischneidig.
Der Witz der Bilderrätsel, ihre gefährliche Technik, die einen ganz speziellen Humor streift, ihre enthüllenden Rätsel, überraschenden Lösungen, die bis zur Antwort reichen, in der Transparenz gelesen, sie berühren sich immer mit dem Wunderbaren. Sie sind dessen kindliche und leuchtende Straße. Die poetischen Identifikationen, die seltsamen Verwandtschaften, das Echo ihrer Transfigurationen, die Vertauschungen, das Interpretationsfeld, das sie anbieten, sie machen aus den Bilderrätseln kostbare Sphinxe. Was Poesie beantwortet, sie drücken es auf eine so unterschwellige und so direkte Weise aus.
Der Reiter ist unter seinem Pferd. Ein Sultan mit auf dem Kopf stehendem Gesicht. Seine Lieblingsfrau. Das Haar ein Liebespaar. Zwei Wespenfrauen bilden zwischen sich eine Glocke, ein Wespenhaus. Die Zeit ist eine Uhr ohne Zeiger."
(Quelle: Surrealismus in Paris, 1919-39; Hrsg. Karlheinz Barck, Reclam 1985; S. 218 ff.)
Teil 2
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(Materialsammlung zum Zufall in der Kunst -1-)

Portrait of Georges Hugnet, Dora Maar
Der hier vorzustellende Künstler nutzte den Zufall in verschiedenen bildgebenden Verfahren wie der Decalcomanie und der Collage (1).
Bilderrätsel (2) spielen auch in diesem Blogg eine kleine Rolle- unterscheiden sich aber grundlegend (nicht nur technisch) von den o.g.
Der Künstler
Georges Hugnet wurde 1906 in Paris geboren. Er verbrachte den größten Teil seiner frühen Kindheit in Buenos Aires, Argentinien, und lebte ab 1913 wieder in Paris. Bereits in frühen Jahren war er sehr aufsässig und entwickelte sich später zu einer kämpferischen, hartnäckigen Natur, lag ständig in Streit mit Verlagen, anderen Künstlern, Dichtern, Freunden, der Familie und das seine gesamtes Leben lang.
Einflussreiche Freunde und Mentoren förderten seine Karriere. (ab 1920 Freundschaft mit Marcel Jouhandeau und Max Jacob). Während dieser Zeit befreundete sich Hugnet auch mit einer Reihe anderer einflussreicher Künstler des frühen 20. Jahrhunderts, wie Joan Miro, Marcel Duchamp, Pablo Picasso, Tristan Tzara, Man Ray, Jean Cocteau.
Hugnet war ein Mann mit vielen Talenten.
Er stieß 1926 zu den Surrealisten, nahm an vielen ihrer Aktivitäten teil - dichtete, schuf Collagen und Bücher und Bucheinbände für surrealistische Publikationen, in eigener Regie, als auch in Zusammenarbeit mit Freunden, wie Marcel Duchamp, Joan Miro und Pablo Picasso.
Mit finanzieller Unterstützung seines Vaters, einem Möbelhersteller, gründete Hugnet einen Verlag (Les Editions de la Montagne) um seine Werke und die seiner Freunde, darunter Tristan Tzara, Pierre de Massot, und Gertrude Stein, zu veröffentlichen.
Er übersetzte, schrieb Drehbücher, sammelte seltene und gestaltete Bücher bis zu seinem Tode im Jahr 1974.
1. Décalcomanie und Collage
1.1. Décalcomanie
Dieses Verfahren ist auch bekannt unter anderen Bezeichnungen wie "Klecksographie" oder "Abklatschtechnik". Sie ist dem Bereich der Monotypie zuzuordnen.
Dabei handelt es sich um ein Farbabzugsverfahren, dessen Entdeckung nach der Quellenlage unterschiedlichen Künstlern zugeschrieben wird- z.B. Max Ernst oder dem spanischen Maler Oscar Domínguez, der in Paris lebte und sich dem Surrealismus 1935 anschloss.
>>Marcel Jean beschreibt, wie Oscar Dominguez 1935, also relativ spät in der Geschichte des Surrealismus, zufällig das Verfahren der Décalcomanie entdeckt:
"Er hat mit einem Pinsel Deckfarben auf ein glattes Papier verteilt, ein zweites Blatt auf die frische Farbe gelegt und dann beide Blätter getrennt: die zerdrückte Farbe schuf Felsen-, Wasser- und Korallenlandschaften. Die Gruppe nahm die neue Technik mit Begeisterung auf und stellte mit Eifer solche Décalcomanien her. 'Minotaure' reproduzierte in Nr. 8 mehrere von ihnen. Breton schrieb eine Einführung dazu und Benjamin Péret eine phantastische Erzählung, zu der ihn die neuen Bilder angeregt hatten." << (E. Brügel, Praxis Kunst Zufallsverfahren, Hannover, Schroedel, 1996; S. 108)
Dominguez interpretierte seine Marmorierungen meist als imaginäre Landschaften. André Breton (?) hingegen begnügte sich damit, den Farbabklatsch mit einem Titel zu versehen.
Klar ist jedefalls, dass diese Technik der Forderung der Surrealisten nach der Ausschaltung des steuernden Bewusstseins zugunsten der Kräfte des Unterbewussten nahe kam, da sie zur Einbeziehung des Zufalls in den Gestaltungsprozess führte.
Max Ernst assoziierte die im Farbabzug entstandene Strukturen zu mystischen Traumwelten aus. Er bezog weitere Techniken ein, die das Gesehene/ Interpretierte heraushoben, fasslicher machten- u.a. die Frottage, Grattage, Collage, Zeichnung und die Malerei. Die Ergebnisse zeigten phantastische Figuren, Tiere oder Fabelwesen, geheimnisvolle Landschaften und Bauten.
Damit wird sich ein weiteres Kapitel der Materialsammlung beschäftigen.
Die Décalcomanie zielt nicht stets darauf ab, ein Motiv abzubilden, sondern fungiert ebenso als eigenständiges Werk, ohne Weiterbearbeitung.
Das experimentell-spielerische Verfahren erzielt stets neuartige und verblüffende Ergebnisse. Fingerdruck, Reiben, Knüllen usw. ermöglichen Variationen, führen zu immer neuen Bildgefügen- nicht nur bei eingesetzten Farbwechseln.
Es gibt schier unendliche Möglichkeiten der bildnerischen Interpretation der Zufallsstrukturen dieser Technik- in Abhängigkeit des Betrachters mit all seinen Erfahrungen, Träumen, Wünschen, Sehnsüchten, Zielen, Stimmungslagen usw. Das macht diese Technik so reizvoll. Imaginationskraft und Phantasie beeinflussen das Interpretierende Sehen und Um- und Ausgestalten.

Portrait automatique de l'automate d'Albert-le-Grand [Automatic Portrait of the Automaton of Albertus Magnus], Georges Hugnet, Dècalcomanie, 1938 (Bildquelle)
Hugnet widmete den satirische Titel seiner Arbeit einem Porträt von Albertus Magnus, einem deutsche Theologen und Alchimistaus des dreizehnten Jahrhunderts, der von der surrealistischen Gruppe verehrt wurde.
>Quelle
1.2. Collage
Das Verfahren der Collage wurde in diesem Blog bereits ausführlich besprochen. Man kann hier zahlreiche Illustrationen von mir in Collagetechniken sehen , z.B. zu Werken von Michael Perkampus, der sich momentan wieder selber eingehend, in brillianter Weise, zum Thema Objektiver Zufall (Zufall oder Notwendigkeit/ Liebe) äußert und mich immer wieder dazu inspiriert, den Zufall künstlerisch zu nutzen.

Untitled (from the series "La Vie amoureuse des Spumifères"), Georges Hugnet , 1948, Works on Paper, Gouache on vintage carte postale

C'est qu'elle sait être plus jolie encore la machine infernale , Georges Hugnet, 1936, Collage mntd

Untitled (from the series "La Vie amoureuse des Spumifères"), Georges Hugnet, 1948, Works on Paper- Gouache on vintage carte postale (ca. 1920) (Bildquelle)
2. Bilderrätsel
Beim Stöbern im Buch Surrealismus in Paris, 1919-39 stieß ich auf den interessanten Artikel des vorgestellten Künstlers. Er bezieht sich nicht nur auf die wahrnehmungspsychologische Zusammenhänge, sondern auch auf die Kunst des Sehens, auf den Zufall, auf die Macht der Imagination, der Visionen, auf den Zauber, der hinter den Dingen wohnt.
"Die Geographie der Wolken und alten Gemäuer, die Stätten und die hängende Flora der Marmortrümmer und der Achate, die zähen Halluzinationen der Kindheit, die Wirkungen des Zufalls, lassen eine Perspektive aus neuen Visionen ahnen, die sich durch das Gedächtnis hindurch ineinanderschachteln.
Gegenstände, die plötzlich ihre Geistergestalt freigeben, das, was man anders liest, was sich belebt im Herzen eines vertrauten und doch nie gesehenen Dings, die belegen ein geheimes Leben, an dem wir bedauern, dass wir es nicht in der hohlen Hand schlagen spüren.
Verstehen heißt, sich vorstellen, sich vorstellen heißt voraussehen.
Was uns umgibt, träumt gleich uns. Angesichts solchen Lebens, uns so fremd wie das eigene, geben wir Namen und Definitionen, uns zu beruhigen.
Bilderrätsel sind gewollte Träume. Sie träumen nur viel tiefer.
Spielen mit dem Feuer. Daher tragen sie das System der paranoischen Kritik an seinen äußersten Punkt und überschreiten ihn.
Die Hand, die um jeden Preis die Bilder in ihre Teile zu zerlegen sucht, sieht schließlich automatisch hier, was dort ist. Sie verrät sich besser, weil sie daran gewöhnt ist, sich zu verraten. Immer auf der Schwelle des Unsichtbaren. Alles verbirgt sich in allem, und der Horizont redet.
Man müsste Muße haben, einige der Bilderrätsel, die voller Lehren sind, gesondert zu prüfen. Die Art, das Problem zu stellen, dieses selbst und seine Lösung, sind ebenfalls Gegenstände der Analyse. Sie liefern denen sichtbare Beweise, die von einer noch wenig bekannten Psychologie fasziniert werden.
Wer präsidierte dieser ganzen geheimen Organisation, die dieses Tier, dieses Haus, diesen Mann sich mit Gesichtern bedecken lässt, mit mehr Gesichtern, als man suchen, als man finden muss? Das Auge des Befragten gerät in Halluzinationen wie die Hand des Fragenden. Das Bilderrätsel ist zweischneidig.
Der Witz der Bilderrätsel, ihre gefährliche Technik, die einen ganz speziellen Humor streift, ihre enthüllenden Rätsel, überraschenden Lösungen, die bis zur Antwort reichen, in der Transparenz gelesen, sie berühren sich immer mit dem Wunderbaren. Sie sind dessen kindliche und leuchtende Straße. Die poetischen Identifikationen, die seltsamen Verwandtschaften, das Echo ihrer Transfigurationen, die Vertauschungen, das Interpretationsfeld, das sie anbieten, sie machen aus den Bilderrätseln kostbare Sphinxe. Was Poesie beantwortet, sie drücken es auf eine so unterschwellige und so direkte Weise aus.
Der Reiter ist unter seinem Pferd. Ein Sultan mit auf dem Kopf stehendem Gesicht. Seine Lieblingsfrau. Das Haar ein Liebespaar. Zwei Wespenfrauen bilden zwischen sich eine Glocke, ein Wespenhaus. Die Zeit ist eine Uhr ohne Zeiger."
(Quelle: Surrealismus in Paris, 1919-39; Hrsg. Karlheinz Barck, Reclam 1985; S. 218 ff.)
Teil 2
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tja - 11. Jan, 23:00







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