Gedanken, Assoziationen zum Bild Moor, Neo Rauch (geb.1960), 2003
Ein Künstler, dem ich zum ersten Mal in der Leipziger und später in der Kieler Kunsthalle in der Ausstellung See History begegnet bin, dem gerade ein riesiger Hype wiederfährt und der in Leipzig sehr gut (?) von seiner Kunst leben kann:

Neo Rauch , Moor, 2003
Ich finde, hier schwimmen die Welten ineinander. Wie ich las, verarbeitet er auch Anleihen aus den verschiedensten Epochen.
"Neo Rauch, der sich begabt und beredt selbst kommentiert, hat einmal erklärt, dass er allergrößten Wert darauf lege, dass neben den „konzeptuellen Bastelanteilen, denen die Bilder entspringen“, „im rechten Moment“ die Malerei Raum bekommen müsse. Die Bricolagen seines wilden Malens bilden eine verrückte Wirklichkeit ab, der ein atemloser Stillstand oktroyiert ist und die jede Sinnhaftigkeit boykottiert."
Hier schwimme ich (d.h. ich sammle erst einmal meine Gedanken zum Bild):
18.11.2007
Vorn ein Schiffer, wie der Tod. Das Haus wie im Märchen Alice im Wunderland, die Verschachtelungen in den Öffnungen erinnern mich an die Bilder von Dali, z.B. Die Versuchung des Hl. Antonius. Eine märchenhafte Welt, die bedroht zu sein scheint und gar nicht so weit von uns entfernt liegt, die uns also etwas angeht, auch wenn im Bereich der Fiktion. Die Träume, die Märchen, die Umwelt sind in Gefahr, zu sterben.
Nur hier wendet sich selbst der Schiffer (Gevatter Tod hat keine Seelen zum Einfangen gefunden) vom Traum ab- vielleicht ist der Alptraum zu groß, die Last zu schwer und durch nichts zu versenken? Eine mysteriöse Gestalt- der Tod in neo(rauch-)grünem Hemd?
19.11.2007
Heute sehe ich die Abkehr des Mannes als Abkehr vom Kitsch- die Pilzform ist dermaßen kitschig, dass einem übel wird.
Außerdem ist die Stadt im Pilz menschenleer- da würde ich mich auch abwenden- ein verlorener Ort. Unheilmlich, erinnert mich an die Geisterstädte von Tschernobyl.
Der Pilz ist gespalten, die Natur ist vom Menschen verunstaltet (symbolisiert durch den architektonisch missbrauchten Pilz) und dazu fehlem einem manchmal die Worte, es ist unfassbar. Das wird durch die leere grüne Sprechblase demonstriert, die hinter dem Mann schwebt und auch wie ein Preis- oder Verkehrsschild mit Loch wirkt. Der Preis (fehlende Preisangabe) für die selbstverursachte Verwüstung des Planeten ist unbezahlbar, ist definitiv zu hoch. Es gibt keinen Ausweg mehr. (Loch im Schild)
Grün das Hemd, grün die Verursachung der Pilzspaltung, grün die hohle Sprechblase- alles ist verstrahlt (die Worte sind hohl, entsprechen leeren Versprechungen, diesen Menschen zu helfen- Symbol dafür die leere Sprechblase).
Pilzspaltung= Kernspaltung. Ein Giftpilz (Atompilz) hat die Heimat unbewohnbar gemacht. Die Hüllen stehen noch, aber alles ist radioaktiv verseucht. Der letzte Überlebende geht aus dem Moor, aus dem Morast des einstigen Lebens, aus dem zerstörten Gebiet, das menschenverursacht, kein Ort des Lebens mehr ist. Dieses Grün symbolisiert hier nicht die Hoffnung, es spottet ihrer in seiner übersteigerten Leuchtkraft:
Der Mann ist betreten, ein umgeknickter, schief gewachsener Baum= auch außerhalb des atomar verseuchten Gebietes gibt es Umweltprobleme. (Spätfolgen im Baum symbolisiert)
Ein Wachstum und Kraft suggerierendes Schilfsymbol- das mich an Ährengarben (links im Bild) erinnert, assoziiere ich mit Früchten, die noch lange so perfekt aussehen, obwohl sie innerlich bereits verfaulen (die äußere Hülle verfällt viel später). Ein Schein von heiler Welt, der länger aufrecht gehalten wird. (und Menschen machen sich und anderen noch lange etwas vor, auch wenn bereits eine Ende absehbar ist)
Alte Leute, die da (Tschernobyl) noch lange wohnen blieben, ernteten weiter, aßen Früchte des Waldes- verstrahltes Gut. Sie sahen genießbar und gesund aus und eine Wahl blieb ihnen ohnehin nicht.
Äußerliche Perfektion strahlen auch die knallroten Äpfel aus:
- die im Supermarkt genmanipuliert herumliegen Äpfel
- der vergiftende Schneewittchenapfel...
Gefahren, die leicht übersehen werden, die blenden und verführen.
Einer (scheinbar) heilen Welt skeptisch oder idealisierend gegenüberstehen?
20.11.2007 (I.)
Familien, die grenznah in weniger verstrahlten Gebieten wohnen bleiben müssen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, ernähren ihre Kinder mit verseuchter Milch und Pilzen. Sie leben am Existenzminimum. Man klärt sie nicht vollständig auf, es fehlen Alternativen, auch Medikamente und nachgeborene Generationen tragen Krankheiten davon, u.a. Krebs.
Die bewohnbare Welt wird immer kleiner, unwohnlicher- am Schluss bleibt nur noch eine kleine schwimmende Insel übrig, eine Arche Noa, auf die sich einige retten. Und die findet man im Pilz. Und der letzte Bewohner erkundet sehr resigniert, aber mit Resthoffnung, ob es außerhalb der Arche noch Leben gibt. Nicht die grünen Marsmenschen wird er finden, da draußen scheint nichts zu sein... auch Alice hat das Wunderland verlassen.
Bezogen auf das Vergleichsbild: der Hl. Antonius im neongrünen Hemd, erliegt keiner Versuchung mehr, es ist nichts da, was ihn noch reizen könnte.
Oder so: der Mann hat sich aus dieser (seiner eigenen) ineinander verschachtelten (alten) Welt befreit, die durch Leere und Einsamkeit gekennzeichnet war, denn die Öffnung des Pilzes nach vorn sieht wie ein ausgesägtes Loch aus. Er ist befreit und bedrückt zugleich... ein Aussteiger..., der auch draußen nichts erwartet, der zwar in Bewegung bleibt, der aber kein Ziel vor sich sieht. Kein lohnenswertes Ziel. Der Blick richtet sich nicht hoffnungsvoll zum Himmel, er bleibt im Moor stecken... wo man gewiss auch Moorleichen entdecken könnte... nur das führt jetzt zu weit... (Ich frag mich allerdings, welche Bedeutung Rauch dem Moor beimisst.)
Ob Tod, Tschnernobyler, Hl. Antonius, Noa, der letzte Überlebende, ein Aussteiger, ist unerheblich... es bleibt ein hoffnungsloses, stilles, warnendes Bild, dass dem Betrachten das Schwimmen in den Möglichkeiten (seiner Ausdeutung) überlässt.
(II.)
Der Fährmann, bei den Römern und Griechen Charon, hatte die Aufgabe, die Seele des Verstorbenen über den Fluss Styx zu geleiten, um in die Unterwelt zu gelangen. Das Totenreich konnte erreicht werden, wenn die Menschen zuvor dem Toten als Entgelt für Charon eine Münze in den Mund oder auch auf die Augen gelegt hatten.
Sehen wir hier einen um seinen Lohn geprellten Charon?
"Epikur sah philosophische Erkenntnis darin, zu beweisen, dass es keine Unsterblichkeit gebe: nach seiner Lehre befinden sich im Leib mit Vernunft begabte Seelenatome, die sich - wie die Atome des Leibes – zerstreuen. Deshalb lebt auch die Seele nicht weiter."- es gibt nichts mehr zu holen in der ausgestorbenen Stadt, der Fährmann zieht weiter...

Die Versuchung des Hl. Antonius, Dali
Und hier findet man andere Stimmen über den Künstler:
"Ob rauchende Dandys, Männer in Jagdröcken oder Feuerwehrmänner bei der Arbeit – die Protagonisten auf den magisch leuchtenden Bildbühnen Neo Rauchs scheinen vergangenen Zeiten entsprungen zu sein. Oft sind sie in Erwartung einer Sache: die latente Gefahr oder das Aufbrechen des lange Zeit Unterdrückten sind als rätselhafte Präsenz des Unbehagens deutlich zu spüren. Der Betrachter mag dann dem Ausstellungstitel entsprechend Begriffe wie „paranormal”, „parallel” oder „paradox” assoziieren. (...)
Auf seinen Großformaten inszeniert er Raumfragmente zu urbanen Randzonen von magischer Stimmung. Es entstehen dramatisch leuchtende Bühnen für stumme Erzählungen, deren Protagonisten mit unermüdlicher Emsigkeit und Ernsthaftigkeit scheinbar ziellosen Unternehmungen nachgehen. Fliehende Wahrnehmungen, Erinnerungsfetzen, Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit erstarren zu surrealen Momentaufnahmen.
(...)
In seinen Bildern schafft Neo Rauch jene einzigartige Atmosphäre, die eine Mischung aus Realem, Erzähltem und Erträumtem ist. Voller Aktivität, doch auf geheimnisvolle Weise emotional statisch erscheinen diese Gemälde, die den Betrachter in Szenen mit archetypischen Wesen und surrealen Landschaften versetzen.
(...)
Viele seiner Arbeiten sind bevölkert von Figuren, die räumlich miteinander verbunden sind, doch entfremdet bleiben und in Unwissenheit voneinander verharren. Obwohl bekannte Elemente in Rauchs Gemälden erscheinen, sind die gewählten Situationen dieser Parallel-Welt bizarr, und das scheinbar Normale vermischt sich mit dem Absurden und Paradoxen. So entstand der von Neo Rauch gewählte Titel: para.
(...)
Einer der Kuratoren der Ausstellung, Werner Spies, sagte im Deutschlandradio Kultur, Rauchs Bilder seien “Traumlandschaften”, die faszinieren, weil sie keine Antworten geben, Rätselbilder bleiben, sie produzieren, so Spies, eine “glückliche Verwirrung”, denn obwohl die Motive teilweise bedrückend seien, sei die Farbgebung hedonistisch, das Flugmotiv sei sehr stark. (...)
Diese detailschwangeren Bilder, sind mal Comicstrip, mal Werbung und dann wieder sozialistische Staatskunst. Und auf dem internationalen, insbesondere amerikanischen Kunstmarkt wird diese Extradosis Ost-Tristesse feilgeboten wie die Werke Alter Meister. (...)
Auf den Bildern des 1960 in Leipzig geborenen Malers begegnet man eigentümlichen Gestalten aus vergangenen Zeiten, die sich in surrealen Landschaften und Interieurs zusammenfinden, um verrätselte Geschichten aus dem Jetzt zu erzählen.
Zwischen Comic und Historiengemälde entwickelt der Künstler in seiner unverwechselbaren Farbgebung traumartige Bildsequenzen, die gleichermaßen zeitlos wie geschichtsträchtig erscheinen.
Der Katalog bietet einen umfassenden Einblick in das Werk dieses Leipziger Malers von 1993 bis heute. Die Publikation spürt Fragen nach, die aus seinem eigentümlichen Bildkosmos hervordrängen: Wovon handeln diese Bilder? Welche Rollen werden dort gespielt? Welche Bedeutung kommt den Farben in diesen Bildern zu? (...)"
Auch die Gedanken der Leser dieses Blogs zum Bild wären wieder einmal interessant für mich.
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ich kann mich an etliche bilder von kunstschulkollegen erinnern, vor 21 jahren in wien, die originellere versuche starteten, und dabei rigoroser (und sympatischer) scheiterten.
neo rauch erreicht mich nicht. und das ist gut so.
du, das bild
neulich zeigten sie neo rauch kurz auf arte. da verkörperte er für mich genau das, was ich hier sehe- die absolute introvertiertheit und trauer. vielleicht spielt unbewusst sein schicksal in den bildhintergrund mit ein- er verlor 4jährig beide eltern bei einem autounfall.
das bild ist für mich die verkörperung des erstickens am leben- und so sah ich es auch in seinen augen. er hasst interviews, wie er zum hype um seine malerei steht, weiß ich nicht. ich werde ihn auch nicht verteidigen.
das rätselhafte an diesem bild macht mich an.
ich spüre jemanden hinter dem bild, der auch der malerei nicht vertrauen kann, sonst würde er sich ihr mehr hingeben. traurig, ja... das stimmt.
ich verstehe
und ich glaube hinter das geheimnis dieser anziehung, dass es auf mich ausübt, gekommen zu sein. es ist meine aktuelle beschäftigung mit dem tod- deshalb auch meine assoziationskette. die thematik des bildes trifft meine momentane befindlichkeit, tritt mir nahe.
es ist auch gut, unterschiedliche sichtweisen auf ein bild zu sammeln, das mag ich ungemein und das wünschte ich mir viel mehr in diesem blog. ich danke dir für deine auseinandersetzung damit, david. deinen gedanken von den schwimmenden versatzstücken könntest du ausbauen.







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