2. Anale Kussbotschaften und Kackautomat von Wim Delvoye (2)
2. 2. Cloaqua - Zeitgenössische Kunst schwer zu verdauen?

Cloaqua, Wim Delvoye
Weitere Varianten dieser Maschine
Die Apparatur bezieht ihren Namen von den Abwasserkanälen im antiken Rom. Man konnte sie in zahlreichen Metropolen der Welt besichtigen, z.B. in New York, Antwerpen, Zürich, Wien und Lyon.
"Shit happens: Verdauung als Kunst
"In einer Zeit, in der es Wissenschaftler als ihre Aufgabe betrachten, den Menschen zu klonen, ist es die Aufgabe der Kunst, den menschlichen Verdauungsapparat nachzuahmen", glaubt der belgische Künstler Wim Delvoye.
Meister Proper bewirbt Kunst-Kot
Ein weit verbreitetes Vorurteil gegen zeitgenössische Künstler lautet sinngemäß, ihre Kunst sei schwer zu verdauen. Das ist ein Vorwurf, der zumindest einem zeitgenössischen Kunstwerk sicherlich nicht gerecht wird. Denn im Falle von "Cloaca" geht es um (fast) nichts anderes als Verdauung. Der belgische Künstler Wim Delvoye hat eine mechanische Nachbildung des menschlichen Verdauungsapparats geschaffen.
Kunst, Kot und Kohle
"Cloaca" wird über einen großen Trichter täglich mit erstklassigen Menüs gefüttert - je nach Ausstellungsort kommen diese aus dem jeweiligen Museumsrestaurant oder auch aus Restaurants der Umgebung. Am Wochenende steht sogar Gourmetküche auf dem Programm. An den Wänden des Ausstellungsraums werden durch Speisekarten nicht nur die Menüfolgen detailliert dokumentiert, sondern es ist auch zu erfahren, aus wessen Küche das jeweilige Mahl stammt.
Eine zwölf Meter lange Maschinenstraße mit laborähnlichen Apparaturen und Behältern, legt nun das offen, was unser Körper sonst ohne viel Aufsehen im Verborgenen erledigt: Nahrung zerkleinern und mixen, Enzyme und Verdauungssäfte zufügen, den Nahrungsbrei liegen lassen, Wasser entziehen und den Rest in Kot verwandeln. In sechs gläsernen "Bioreaktoren" sind neben verschiedenen Säuren rund 400 verschiedene Bakterienstämme für die Kunst im Einsatz.
Am Schluss der Prozedur fällt das Produkt auf ein Fließband, fertig ist das Kunstwerk. Nun können es selbst Chemiker nicht mehr von dem unterscheiden, was der Mensch Tag für Tag absondert. Doch die eigentliche Kunst besteht darin, im Wortsinn aus "Scheiße" Geld zu machen. Durch eine stabile Silikonhülle in ein handliches Format gebracht, ist der geklonte Kot für schlappe 1500 Dollar käuflich zu erwerben.
Eigenes Produkt-Logo
Um seine Verdauungs-Maschine und ihre Produkte professionell anpreisen zu können, hat Delvoye ein eigenes "Cloaca-Logo" entwickelt, das eine Mischung aus den Logos der Marken Meister Proper, Coca-Cola und Ford zusammengebastelt ist und einer gewissen Ironie nicht entbehrt. Meister Proper, der in diesem Fall nur aus Oberkörper und Darm besteht, stützt mit gewohnt freundlichem Lächeln seine muskulösen Arme auf ein blaues Oval mit dem Schriftzug "Cloaca".
Genau dieser Meister Proper ist auf der Website zum Kunstwerk (cloaca.be) als Flashanimation zum Leben erwacht und lädt die Fans von anal produzierten Kunstwerken mit den Worten "Buy Cloaca Shit now!" zum Kauf ein. Offensichtlich mit Erfolg: "Sold out", lautet im Shopping-Bereich der Website die Botschaft an die Fans.
"Die Schönheit des Nutzlosen"
"Cloaca" dürfte nicht nur das wichtigste, sondern auch das aufwändigste Werk Delvoyes sein. Für die Umsetzung war ein ganzes Team von Experten notwendig: Ärzte, Ingenieure, Bakteriologen und ein Fabrikant von Babynahrung haben an der Konstruktion des computergesteuerten Kunstwerks mitgewirkt, das allein während seiner Herstellung rund 260.000 Euro "verdaut" hat. Das ist ohne Zweifel eine Menge Geld, nur um "die Schönheit des Nutzlosen" zu demonstrieren, wie Delvoye sein Anliegen beschrieben hat.
Wim Delvoye ist nicht der erste Künstler, der menschliche Ausscheidungen aller Art in den Mittelpunkt seiner Kunst stellt. So füllte schon in Jahr 1961 der italienische Künstler Piero Manzini "Merda d’Artista" in Konservendosen, um sie willigen Kunstliebhabern feilzubieten. Doch in diesem Fall steht nicht (nur) das Produkt, sondern auch dessen Produktion im Zentrum des künstlerischen Interesses.
Delvoyes Maschine kann auch als kritische Wissenschafts-Reflexion verstanden werden. Dort, wo der Wissenschaftler versucht, die Natur nachzuahmen und Lebewesen zu klonen, kann es offenbar Aufgabe des Künstlers sein, derartige Unterfangen kritisch zu begleiten. Delvoye stellt nicht nur die Machbarkeit solcher Vorgänge zur Diskussion, sondern auch deren Legitimation. Er stößt damit eine Diskussion an, die nicht umhin kommt, ethische Fragen zu thematisieren."
André Moeller (DW-WORLD.de, 05.09.2003)

Weitere Maschinenentwürfe
Die Maschine verlangt ständig nach Nahrung, verwandelt sie in Exkremente, stinkt, furzt...
Wim spricht davon, dass sie ein Symbol unserer Gesellschaft wäre.
Zuvor hatte er bereits mit Mosaiken aus Salami und Exkrementen experimentiert.
Einige Stimmen über diese Erfindung:
Find out how Cloaca helps
you to communicate with
the world and bring you
healing, harmony and
inner peace.
(Kim Anderson, PhD)
Cloaca∂s Cyber Poo helped me
to discover the secrets of
succesful dating and to achieve
a healthy and fully satisfying
relationship.
(Dwight B., 29 years, Florida)
With Cloaca Cyber Poo,
I increased my self-awareness
in a profound way.
(Betty E., NY)
Cloaca Poo is a proven method to accumulate
massive wealth and to improve the overall quality of life.
(Tyler H., Dallas)
(Quelle)
"Cloaca ist der Star der Ausstellung: die erste künstlerische Körpermaschine auf biochemischer Basis. Darin liegen die Sensation und das Novum. Das alte Theorem von Kunst als Nachahmung der Natur bewährt sich hier auf völlig ungeahnte Weise. Denn was am Ende dabei herauskommt, ist von natürlichen Produkten nicht zu unterscheiden. Was aber nicht unterschieden werden kann, ist dasselbe, hat Gottfried Wilhelm Leibniz hintersinnig gesagt. Täuschen wir uns also nicht: Eine Simulation scheidet aus (im Doppelsinn des Wortes ‚ausscheiden').
Die Ausscheidungen einer Simulation sind das unmögliche Reale mitten im Reich der Kunst und des Künstlichen. Hat man dies noch für möglich gehalten?!? Indem Cloaca den Prozess der Verdauung mit echten Ergebnissen modelliert, markiert sie/er den Eintritt ins biologische Zeitalter. Ältere Automaten hatten wohl Bewegung demonstriert, wozu ein Uhrwerk reicht. Manche hatten sogar mit Verdauung kokettiert, ohne sie jedoch modellieren zu können. Man denke nur an Vaucansons berühmte Ente von 1739, einem Wunderwerk der Mechanik. Zog man das Uhrwerk auf, so pickte diese Ente Körner mit dem Schnabel, machte ruckende Bewegungen, schüttelte sich und schied sodann ein Klümpchen aus. Selbstredend war das Letztere ein pures Fake, denn im 18. Jahrhundert bestand nicht einmal die geringste Chance, an die Biochemie der Verdauung heranzukommen. Dieses ist erst heute möglich, Wim hat in jahrelanger Kooperation mit Medizinern daran gearbeitet. Cloaca reicht den Baustein nach, der in Vaucansons Ente fehlte. Die Blackbox zwischen Schnabel und After ist transparent geworden.<
Cloaca bringt noch eine weitere Blackbox zu Ende, nämlich die berühmt-berüchtigte Konservendose, welche Piero Manzoni 1961 mit der Aufschrift Merda d'artista versah. Ob in dieser Dose tatsächlich etwas drin war oder nicht, war gänzlich unerheblich und blieb der Phantasie des Betrachters überlassen; nur in seinem Kopf fand das Ereignis statt. Insofern sind Berichte von explodierenden Manzoni-Dosen zwar erheiternd (- wie restauriert man so etwas?), aber auch völlig irrelevant. Wichtig war vor allem, dass damit eine skatologische Debatte(2) anfing, an der Generationen von Künstlern sich begeisterten: die Wiener Aktionisten, Dieter Roth, Mike Kelley, Kiki Smith etc. Cloaca bringt diese Dinge zu Ende. Der Körper des Künstlers und damit seine Subjektivität als externe Referenz von Kunst spielt keine Rolle mehr, sobald das fragliche Produkt künstlich hergestellt werden kann. Die Merda d'artista im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit emanzipiert sich vom artista. Eben damit zieht Cloaca einen Schlussstrich unter eine jahrzehntelange Debatte.

Künstlerscheiße (merda d'artista) Piero Manzoni, 1961; s.u. *
Zugleich gemahnt diese Maschine ein letztes Mal an das Barock, war doch dieses Zeitalter in hohem Maße fasziniert von Körper-Automaten.(3) Man hat in dieser Maschinenbegeisterung des 17. Jahrhunderts einen verhängnisvollen Vorläufer der Gegenwart erkennen wollen, nämlich den cartesianischen Sündenfall, der alles Geistige vom Körper trennte, um diesen auf einen Mechanismus zu reduzieren.(4) Verblüffenderweise jedoch hat der vermeintliche Sündenfall noch andere Wurzeln; sie liegen im jesuitischen Krippenspiel. Das beste Beispiel dafür bietet eine Automatenfigur (H39cm) von 1560, die sich im Deutschen Museum München findet.(5) Sie zeigt einen bärtigen Mönch, in dessen hölzernem Leib sich ein Uhrwerk verbirgt, das Kopf und Arme bewegen konnte sowie die ganze Figur über eine Fläche schnurren ließ. Nach Haartracht und Gesichtszügen zu urteilen, könnte es sich um die Darstellung eines Jesuitenheiligen handeln, vielleicht Franz Xavers, oder eines Evangelisten. Auf jeden Fall waren die Jesuiten für die Automatisierung theatralischer Effekte bekannt, und zwar nicht zuletzt im Krippenspiel.
Man nähere sich Cloaca unter dieser Perspektive. Betrachten wir sie einmal nicht als Sündenfall, sondern als Krippenspiel - wie anders korrespondiert sie dann mit den zehn ‚Kirchenfenstern' gegenüber! In der Tat liegt hier ein Output "in den Windeln", den kein Labor vom Input echter Windeln unterscheiden kann.
Die Entwicklung eines biochemischen Krippenspiels ist nicht denkbar ohne neue Maschinen, die prinzipiell anders als ein Uhrwerk funktionieren. Uhren nämlich kennen nur zwei Maschinenzustände: vorher und nachher. Das aber reicht nicht hin, um beispielsweise Körpertemperatur zu modellieren. Dazu braucht es Maschinen, die einen Ist-Zustand mit einem Soll-Zustand vergleichen und Diskrepanzen nach oben oder unten ausgleichen können. Es fehlte im Barock also ein Urmodell von Kybernetik: der Thermostat. Darmbakterien aber brauchen so etwas. Sie gleichen dem restlichen Menschen unter anderem darin, dass ihr Überleben eine konstante Temperatur von ca. 37 Grad Celsius voraussetzt. Man vergisst nur allzu leicht, in welch schmalen Temperatursegment sich menschliches Leben vollzieht: unterhalb von 36°C droht der Kältetod, oberhalb von 40°C der Fieberwahn. Innerhalb dieses hauchdünnen Segments von 4°C leben wir auf einem Globus, der in Weltraumkälte badet. Dass es in diesem Universum eine Nische gibt, in der Lebewesen die Chance haben, sich auf eine Körpertemperatur einzupegeln, das ist das Erstaunliche und nicht zu Erwartende. Leben ist unwahrscheinlich.
Das Bild der Uhr war dem Barock ein Memento mori gewesen, eine Mahnung an die Endlichkeit des Lebens. Thermostate aber verweisen auf seine Unwahrscheinlichkeit. Wim Delvoyes Maschine ist gespickt mit den Emblemen dieses Gedankens. Darum hat sie im Kunstmuseum ihren rechten Platz, nicht aber in dem Science Museum, das sie zum Zwecke medizinischer Information hatte zeigen wollen." (Peter Bexte )
* Künstlerscheiße (merda d'artista) ist ein berühmtes Projekt des italienischen Konzeptkünstlers Piero Manzoni, von dem später noch die Rede sein wird.
.
Ein Vergleich: als würde jemand auf mich zustürzen und mir die Hand schütteln, jemand, den ich nicht kenne, den ich noch nie im Leben gesehen habe. Etwas wie Distanzlosigkeit empfinde ich. Anders die Zeichnungen. Es ist sicher das Maß der Abstraktion, dem sie unterliegen und das für mich ihren Inhalt verdauen lässt.
inhalte verdauen + distanzprobleme
verdauen und nahekommen oder distanzen überwinden...
im öffentlichen raum gibt es mitunter das auge vergewaltigende moderene kunst. das geht bis zur schmerzgrenze. man bekommt etwas übergestülpt, dass den naturraum oder die stadtlandschaft okkupiert und sich schließlich in die seele bohrt... selbst wenn man den sinn dahinter versteht.
aber es ist auch wie mit den bildern daheim an der wand- irgendwann hat man sie satt- egal wie wertvoll, wie inhaltlich und/ oder formal gelungen. dann wechselt man aus. und genau das passiert NICHT im öffentlichen raum. das bleibt (war zuvor meist mit steuermitteln bezahlt).
konzeptkunst- ja das trifft hier zu. aber auch eine idee gelangt irgendwann an ihre grenzen, kann nicht mehr beklatscht werden. wozu auch? es gibt inzwischen neue, bessere (?). innovation, gepaart mit einer art universeller zeitlosigkeit, ist ganz selten und dann geht sie in die weltgeschichte ein. (vorausgesetzt, sie gelangt an die öffentlichkeit)







Trackback URL:
http://mehrschichtig.twoday.net/stories/4359111/modTrackback