Drei falsche Spiegel (Ver-spiegelt)

"Dans les yeux les plus sombres s'enferment les plus claires
[In den dunkelsten Augen schließen sich die hellsten ein]"
(Paul Eluard)
"28. Oktober 2006
FALSCHE ERINNERUNGEN
Das Leben - eine einzige Erfindung
Von Marion Rollin
Das Gedächtnis selektiert und verzerrt wichtige Ereignisse. Forscher können gar falsche Erinnerungen - etwa an Ballonfahrten, die nie stattgefunden haben, erzeugen. Was nach einem Fehler der Evolution klingt, ermöglicht uns erst, im Alltag zurechtzukommen. (...)
Durch Bilder lassen sich Erinnerungen besonders leicht durcheinanderbringen, weil sich die für das Visuelle zuständigen Verarbeitungssysteme im Gehirn mit jenen überlappen, die bei Fantasien aktiv werden. (Anmerkg.: Manipulierte Bilder werden als erlebte abgespeichert.)
(...) "Das autobiografische Gedächtnis hat wenig mit der Vergangenheit zu tun, es ist vielmehr dafür da, dass wir uns in der Gegenwart und in der Zukunft orientieren können", sagt Hans Markowitsch, Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld. Im autobiografischen Gedächtnis lagert die persönliche, subjektiv erlebte Lebensgeschichte. Es ist das komplexeste der Erinnerungssysteme und zugleich dasjenige, das bei Kindern als letztes entsteht, im Alter von etwa drei Jahren, wenn ein Kind eine Vorstellung von seinem Selbst zu entwickeln beginnt.
(...) Die Erinnerungen an die Lebensgeschichte prägen die Persönlichkeit, formen die Identität. Doch nicht etwa die objektiven Lebensdaten spielen dabei die Hauptrolle, sondern Gefühle. Sie sind es, die filtern, was im Langzeitspeicher landet und was gelöscht wird. "Gefühle", sagt Markowitsch, "sind die Wächter unserer Erinnerung."
Wäre das nicht so, würde der Mensch von Informationen geradezu überflutet. So aber gelangen die Eindrücke aus dem Kurzzeitgedächtnis zunächst ins limbische System. Dort wird deren emotionaler Gehalt bewertet. Nur was als bedeutsam eingeschätzt wird, erreicht die Großhirnrinde, wo Eindrücke als Erinnerungsbild, als "Engramm", abgelegt werden.
(...) Wahrscheinlich erinnere man sich selten an das Ereignis selbst, sondern an die Gefühle, die man einst damit verband. (Anmerkg.: So geht es mir, v.a. in den Träumen, wo erinnerte Gefühle in immer ähnliche oder neue Zusammenhänge gebracht werden.)
(...) "Unser ganzes Leben ist eine Erfindung", so spitzt Harald Welzer es zu, Sozialpsychologe und Leiter der Gruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. "Es gehört zur menschlichen Normalität, sich falsch zu erinnern. Das korrekte Erinnern ist das Anomale."
Zwar forme das Gedächtnis das Ich, Erinnerung bilde sich aber erst in der Gemeinschaft, in der Kommunikation mit anderen heraus. Welzer spricht vom "kommunikativen Gedächtnis". Ein Ereignis sei nicht das, was passiert sei, sondern das, was erzählt werden könne.
(...) Um verstehbare Zusammenhänge bemüht, übernimmt das Gedächtnis dann die kreative Aufgabe, die Lücken zu schließen. Welzer vermutet, dass Erinnerungen an emotional belastende Situationen deutlich mehr hinzugedichtete Episoden enthalten als solche an "normale" Ereignisse."
Weiter: Der ganze Artikel mit hochinteressanten Beispielen von "falschen Gedächtnisleistungen"
Es werden zum Beispiel diese Fragen untersucht:
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- Dürfen Historiker angesichts der trügerischen Auskünfte unseres Gedächtnisses überhaupt noch auf Zeitzeugen zählen?
- Ist der Mensch als Zeuge nicht eine Fehlkonstruktion?
- Gibt es nicht sehr viele unbewusste Entlehnungen? (z.B. Plagiate in der Kunst)
- Bedeutet verzerrt wahrzunehmen und verzerrt zu erinnern, nicht die Grundlage für die gesamte Zauberkunst?
.
tja - 12. Okt, 18:30
parallalie - 12. Okt, 20:16
Nabokov besucht in der Schweiz eine seiner ehemaligen Gouvernanten, wobei er auch noch auf andere trifft, die ebenfalls einmal in seiner Familie in Rußland als solche tätig waren:
"In seiner Vergangenheit ist man immer zu Hause, was zu einem Teil wenigstens die postume Liebe erklärt, die diese rührenden Damen einem fernen und offen gesagt ziemlich abschreckenden Land entgegenbrachten, das sie niemals wirklich gekannt hatten und in dem keine von ihnen so recht glücklich gewesen war."
Erinnerung, sprich
"In seiner Vergangenheit ist man immer zu Hause, was zu einem Teil wenigstens die postume Liebe erklärt, die diese rührenden Damen einem fernen und offen gesagt ziemlich abschreckenden Land entgegenbrachten, das sie niemals wirklich gekannt hatten und in dem keine von ihnen so recht glücklich gewesen war."
Erinnerung, sprich
tja - 12. Okt, 20:50
mich hat dieser
artikel etwas bestätigt und beruhigt, denn ich erlebe diese dinge auch:
- erleben zwei menschen das selbe geschehen, berichten sie anschließend ganz unterschiedlich- weil jeder anders selektiert in wahrnehmung und wiedergespiegelter erinnerung und weil er andere emotionen dazu hatte bzw. hat
- ich erinnere mich selbst gut an das, was ich erzähle oder mit anderen bespreche
- es finden ständig umformungen des erlebten statt- auch durch kollektives erzählen
- und mitunter glaube ich dem selbst erzählten, obwohl ich zu beginn einzelheiten betont, verstärkt oder weggelassen habe oder eine kleine notlüge eingebaut habe um verständlicher oder besser (hihi) dazustehen... natürlich mit größerem abstand zum geschehen---mitunter schleicht sich auch wissen um ein ereignis dazu, dass nur angelesen oder gehört wurde (das ist mitunter zur selbstverständnis in einer sache gut, mitunter ist man benebelt und merkt es nicht und mitunter nützt es gar nichts mehr)
dein beispiel von den alten damen kann ich von den eigenen älteren herrschaften bestätigen. :) es wird verherrlicht, was nicht nachprüfbar ist. selbstschutz und statuserhöhung. man unterliegt eigenen täuschungen usw. und dennoch hören wir gern alte geschichten... als kind, von meiner oma erzählt, wurden sie immer wieder von uns verlangt. es war immer die gleiche wahrheit, die die oma erzählte, sie musste wahr sein. sie war so abgeschliffen vom erzählen, dass sie wie ein märchen rüber kam.
und der witz ging los, als man im jugendalter dinge hinterfragte, dann kam die oma aus dem konzept und musste nachdenken. gleiches gilt für fremde menschen, die die eigenen geschichten plötzlich hinterfragen und einem das hundert mal erzählte in anderem licht sehen lassen. das liebe ich. das bringt bewegung in den kopf und lässt erlebtes neu erleben, neu sehen, neu spiegeln.
- erleben zwei menschen das selbe geschehen, berichten sie anschließend ganz unterschiedlich- weil jeder anders selektiert in wahrnehmung und wiedergespiegelter erinnerung und weil er andere emotionen dazu hatte bzw. hat
- ich erinnere mich selbst gut an das, was ich erzähle oder mit anderen bespreche
- es finden ständig umformungen des erlebten statt- auch durch kollektives erzählen
- und mitunter glaube ich dem selbst erzählten, obwohl ich zu beginn einzelheiten betont, verstärkt oder weggelassen habe oder eine kleine notlüge eingebaut habe um verständlicher oder besser (hihi) dazustehen... natürlich mit größerem abstand zum geschehen---mitunter schleicht sich auch wissen um ein ereignis dazu, dass nur angelesen oder gehört wurde (das ist mitunter zur selbstverständnis in einer sache gut, mitunter ist man benebelt und merkt es nicht und mitunter nützt es gar nichts mehr)
dein beispiel von den alten damen kann ich von den eigenen älteren herrschaften bestätigen. :) es wird verherrlicht, was nicht nachprüfbar ist. selbstschutz und statuserhöhung. man unterliegt eigenen täuschungen usw. und dennoch hören wir gern alte geschichten... als kind, von meiner oma erzählt, wurden sie immer wieder von uns verlangt. es war immer die gleiche wahrheit, die die oma erzählte, sie musste wahr sein. sie war so abgeschliffen vom erzählen, dass sie wie ein märchen rüber kam.
und der witz ging los, als man im jugendalter dinge hinterfragte, dann kam die oma aus dem konzept und musste nachdenken. gleiches gilt für fremde menschen, die die eigenen geschichten plötzlich hinterfragen und einem das hundert mal erzählte in anderem licht sehen lassen. das liebe ich. das bringt bewegung in den kopf und lässt erlebtes neu erleben, neu sehen, neu spiegeln.














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