Sonntag, 19. August 2007

In der Britischen Nationalgalerie London: Yinka Shonibare

Im nachfolgenden möchte ich einige meiner faves in der Britischen Nationalgalerie London vorstellen.

Spiel mit stereotypen Vorstellungen von Rasse, Klasse und Kultur-
1. Yinka Shonibare
, geb. 1962, "Colonel Tarleton and Mrs. Oswald- Shooting", 2007

(erhielt den Turnerpreis; Figurinen ohne Kopf in barock geschnittener Kleidung mit modernem, skurilen Stoffdesign, das z.B. eine Badewanne und eine Leiter zeigt; mit aufeinander gerichteten Gewehren- erwecken den Anschein einer traditionellen und gleichzeitig ungeheuerlichen Jagd; der Besucher ist einigermaßen überrascht, mitten im Gefecht zu stehen, denn zwischen den beiden sind mehrere Meter Distanz; man nimmt die Ironie und feine Hintersinnigkeit seines Werkes auf)

Diese Kopf- und Identitätslosen scheinen ebenso ein Markenzeichen für ihn zu sein, wie die Verwendung typischer Barock- und Rokokomotive, die er verfremdet. Für mich ist er eine Neuentdeckung und ich war erstaunt, dass man ihn inmitten eines Kuppelsaales voller Klassik aufstellte...
Erst habe ich kein aktuelles Bild dieses Werkes gefunden. (doch... nur dies hier, dafür mit einigen Hintergrunderklärungen für den Kontext) Man durfte in der Galerie nichts fotografieren. Aber einige ähnliche Bsp. zeigen seinen Stil (wie dieses hier).

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How to blow up two heads at once. 2006; Installation: 175 x 245 x 122 cm; Bildquelle


Nachtrag: Und nun muss ich auch noch feststellen, dass ich nicht mal das ganze betrachtet habe! Hier oben, unter der Kuppel...

______________________


Weitere Infos über den Künstler:

- Ausbildung: 1984-1989 London's Byam Shaw School of Art, London (heute Central Saint Martins College of Art and Design); MA in Fine Art -1991 Goldsmiths College, London

- auf der Documenta11 zeigte er eine Installation kopulierender Puppen (s.u.) in historisch und afrikanisch anmutenden Gewändern- darüber eine schwebende Postkutsche (eine Deutung: Vorwurf der sexuellen Ausbeutung durch ehemalige Kolonialherren; andere: komplexes Feld von historischen, kunsthistorischen, kulturellen und ökonomischen Bezügen und grundsätzlich Behauptungen kultureller Authentizität infrage gestellt)

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- Themen seiner Installationen, Objekten und Fotografien(*1): historischen, kulturelle und ökonomische Zusammenhänge; Grundlage hierfür u.a. Literatur und Gemälde; intensive Beschäftigung mit Kleidung und Mode als Bedeutungsträger und Identitätsstifter
- seine Figuren( „Tableau vivants“) kleidet er in perfekte historische Kostüme – allerdings aus „afrikanischen“ Stoffen

1962 in London geboren, in Nigeria aufgewachsen und später nach London zurückgekehrt, ist Yinka Shonibare selbst ein Beispiel der zunehmenden Hybridisierung von eindeutigen kulturellen oder nationalen Definitionen, die den Umgang mit Kultur in kosmopolitischen Zeiten grundlegend verändert." (Quelle)

- „Für mich hat der Künstler die Aufgabe zu unterhalten, zu verführen, zu provozieren, die Leute zu irritieren und Kunst zu produzieren, die historisch relevant ist.“ (Zitat des Künstlers)

- arbeitet mit Technik der Kombinatorik

- in London geboren, in Lagos aufgewachsen und später nach London zurückgekehrt, bezeichnet sich gerne als „postcolonial hybrid“
- „afrikanischen“ Stoffe entpuppen sich beim näheren Blick auf
ihre Etiketten als holländische Fabrikate – Anspielung auf Geschichte, kulturelle Transfers, Ökonomien; Projektionen, wenn wir bestimmte Farben und Muster automatisch als „afrikanisch" einstufen

- weiter, zur Herkunft seiner Stoffe: die Shonibare auf einem afrikanischen Markt in London gekauft, in Holland designed und mit indonesischem Know-how in England produziert (da stellt sich die Frage, was ist am Ende authentisch afrikanisch, was ein Ergebnis europäischer Projektionen, was ist noch authentisch europäisch und was Projezierung afrikanischer Projektion auf Europa?)

- "Doch die komplexe Geschichte der Stoffe macht deutlich, wie ihr vermeintlich authentischer Symbolcharakter bereits eine von den Handelsrouten der Kolonialmächte geprägte Konstruktion ist." (Documenta Kurzkatalog)

- von Jean Fisher als „satirische Subversion“ bezeichnet (stellte z.B. Diener weiß und Herren schwarz dar)

- will den schockierenden Aspekt dessen zeigen, was uns angenehm vertraut ist, bzw. dem Alltäglichen seine Vertrautheit nehmen; ihm wird „transgressives Verhalten“ zugesprochen; man sollte seine Werke auch als antiheroischer Affront verstehen: seine Taktik als postmoderner Künstler in der Rolle des Tricksters, der nicht vordergründig, sondern subversiv Widerstand leistet, sehen

- sagte sinngemäß, dass es ihm nicht um die Darstellung von Politik, sondern um die Politik der Darstellung ginge

- bekam den Titel MBE - Member of the British Empire -, den ihm das britische Königshaus 2006 verlieh
- Fingerzeig auf britisches Kultur- und Koloniallebens, in denen sich die Weißen ihres Abstands zu den "Primitiven" durch viktorianisch stilisierte Pseudonoblesse versicherten

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*1 Dorian Gray (Detail) Bildquelle


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