Sonntag, 6. Mai 2007

Nach 94 Tagen: Schere oder nicht?

"Man kann nicht nicht kommunizieren"

Jedes noch so kleine Signal, das bewusst oder unbewusst wahrgenommen wird, ist Träger von Informationen und hat Einfluss auf unser Handeln. (bewusst oder unbewusst):

Nicht nur in der Rede, im Schrift- oder Bildverkehr, auch im Blickkontakt, im Nicken, in der Mimik und Gestik, im Geruch sind Informationen ebenso enthalten, wie im Fehlen oder bewussten Unterdrücken von Signalen.
Antworten und Fragen oder deren Ausbleiben geben Auskunft über Interesse und Desinteresse eines Gegenüber, über seine Art der Wahrnehmung und Interpretation von Welt.
Wahrgenommene Signale und deren Ausbleiben sowie ihre Botschaften werden oft falsch gedeutet.
Das gründet sich auf verschiedene Ursachen:

- die Schnittmenge an gleichermaßen verstandenen Signalen ist oder wurde zu klein, da über ihre Bedeutung zu wenig geredet wird/ wurde oder von einer oder beiden Seiten zu wenig Interesse an einer Encodierung vorliegt (z.B. Aufwand zu hoch, mit anderen Dingen beschäftigt)
- Signale sind mehrdeutig und immer verschieden interpretierbar- fehlt eine Stellungnahme zur Entschlüsselung von einer oder beiden Seiten des Kommunikationsprozesses, läuft Kommunikation mit Reibungsverlusten durch Streit einher
- ein Streit über ausgesandte Zeichen und deren Interpretation kann immer als positiv gesehen werden, wenn das Ziel eine bessere Verständigung ist; er bedeutet in der Regel ein hohes Interesse am Gegenüber

"Die Regel, es sei nicht möglich, nicht zu kommunizieren,
gilt nur innerhalb von Interaktionssystemen unter Anwesenden, und selbst hier regelt sie nur, dass, nicht was kommuniziert wird."

(Niklas Luhmann, 1981)

Wenn man im Netz davon ausgeht, dass der Kommunikationspartner eigentlich gar nicht anwesend ist, erübrigt sich in der Regel jede Erwartungshaltung über Botschaften ihm gegenüber noch weiter. Ich sehe ihn in der Regel nicht (außer im Video- oder Voicechat), rieche ihn nicht, höre ihn nicht. Mir bleibt maximal die verbal fixierte Äußerung und Nichtäußerung seiner selbst. Diese kann nicht durch andere nonverbale Signale auf Glaubhaftigkeit abgeklopft oder sein Bild kann nicht relativiert werden. Zur Beschränkung dieser wenigen Signale kommt oft eine reduzierte Sprache, eine unregelmäßige Kommunikation. Es kommen selten Situationen zustande, wo sich ein größerer Gesamtkontext ergibt, aus dem man Informationen entnehmen könnte. Nachfragen werden selten gestellt, nicht oder ungenügend beantwortet. Ein Fließen kann nicht entstehen, da eine emotionale und sachlich orientierte Auseinandersetzung selten in der Öffentlichkeit mit Offenheit gehandhabt wird. Das verhindert einen erfolgreichen Informationsfluss.

Von Austausch kann gar keine Rede sein. Wir tauschen nichts, weil es nichts zu tauschen gibt. Nach konstruktivistischem Ansatz wird die menschliche Erkenntnis als Konstruktionsprozess betrachtet, die Wahrnehmung von Wirklichkeit als Wirklichkeitskontruktion und die Kommunikation als Konstruktionsprozeß.
Das bedeutet, dass unsere „reale Welt“ nur ein kognitive Idee ist. Sie kann an sich nicht objektiv erfahren werden, weil jeder sie anders erfährt. Der Mensch kann nicht Objekt und Subjekt der Beobachtung zugleich sein. Wir können nur unsere eigene persönliche Welt wahrnehmen.

Betrachtet man dies weiter konstruktiv, dann heißt das:

Jeder Mensch ist eine für sich abgeschlossene Wesenseinheit, tritt nicht in Kommunkationsprozesse im Sinne von Austausch ein. Er ermöglicht lediglich (durch Bereitstellen von Teilen seiner Erfahrungswelt) die Aufnahme und Verarbeitung dieser Informationen in eine andere, eigene, Erfahrungswelt.
Das heißt, dass z.B. auch Künstler und Schriftsteller Erfahrungen des Erlebten (sich Welten konstruierenden) Gegenüber in ihre Arbeit einbauen.
Jeder Mensch (nicht nur die Kreativen) konstruiert, baut seine eigenen Erfahrungen und die Erfahrungen anderer in sein Weltverständnis ein.

Mit dieser Grundlage wird es witzlos, davon zu sprechen, dass Dinge objektiv übermittelt werden könnten, wie sie sind, da ohnehin jeder seine eigenen Informationen aus dem bereitgestellten Informationsreservoir nimmt und bei sich einbaut, weil die reale Tatsache an sich nicht erfahrbar ist. Jeder sieht durch seine Brille. Der Austausch über das Geschaute könnte schon interessant sein, wenn man darüber sprechen würde.

Andererseits ist es nach diesem Konstrukt dumm, noch von Austausch zu reden- das Signalwort Austausch ist neu zu definieren. Das müsste, im Grunde genommen, davon heilen, etwas wie Austausch zu erwarten. Wir kommunizieren nebeneinander her. Das ist es, was frustriert.

Ein weiterer Aspekt sind die Erwartungen der Kommunikanden. Erwartet der eine Kommunikand eine bestimmte Reaktion vom anderen, wird er sich mit seinen Informationen darauf einstellen, auch wenn der andere vielleicht ganz anders reagiert hätte. Das verhindert u.U. erfolgreiche Kommunikation.

Das Ziel des Kommunizierens kann sehr unterschiedlich ausfallen: z.B.

* zielgerichtet, intentional (bzw. routiniert)
* sozial, in Bezug auf andere
* strategisch (zielorientiert)
* oder kommunikativ (dient der Verständigung) (nach Burkart hat es
das konstante Ziel „Verständigung“)
* instrumentell in Bezug auf Gegenstände (Handeln, das nicht
notwendigerweise auf andere Menschen bezogen sein muss)
(es kann aber auch kommunikativ oder strategisch sein oder
von Kommunikation begleitet werden)

Wenn die Ziele von Kommunizierenden auseinanderfallen, kommt ein Kommunikationsprozess zum Erliegen, nimmt ärgerliche Formen an. Im Netz wird sich selten über Ziele ausgetauscht und auch ich habe noch keine geeignete Stelle im Blog dafür gefunden, diese dauerhaft zu pinnen.
(in manchen Blogdastellungen steht eine Art Definition für das Selbstverständnis des Senders voran).
Gleichzeitig schließt man mit so einer Präambel möglicherweise Kommunikationspartner mit ungewöhnlichen Kommunikationsformen aus oder schreckt ab.

Wenn es also nichts zu kommunizieren gibt, wenn jeder aneinander vorbei redet, wenn das Netz zu flüchtig ist, um zu intensiven Gesprächen zu kommen, dann frage ich mich, warum wir hier sind. Um hier Gespräche anzufangen und dann anschließend privat, an geeigneterer Stelle, weiterzuführen? Ich schwanke zu 80% um den Einsatz meiner Schere herum...

"Man kann nicht nicht kommunizieren." tröstet mich nicht in Bezug auf das Netz, denn wenn schon alle anderen, eingangs beschriebenen, nonverbalen Signale ausbleiben- dann wiegt das Ausbleiben ernsthafter, verbaler Signale noch schwerer für jemanden, der von den Welten der anderen auch in Form von Dialogen mehr erfahren möchte als Besucherangaben aus den Countern oder stummes Lesen in anderen Gefilden.
Ein Blog zum Ausstellen/ Zur-Schaustellen und Nicht-in-Dialog-treten, zur Werbung für die Produkte anderer oder der eigenen, zur einseitigen Unterhaltung und Informationsbeschaffung anderer? Das genügt mir nicht.

ECHO statt EGO kann ja nicht eingefordert werden... selbst mit gutem Beispiel vorangehen, hat auch nur sehr bedingt zum Erfolg geführt.

Ich bin gespannt, ob und wie sich der Energietransfer anderenorts entwickelt.

Kommunikationsfädchen

Eine ähnlich gelagerte, weiterführende Thematik zum Thema Bloggosphäre können Sie hier nachlesen.

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parallalie - 7. Mai, 22:01

mosaiksteinchen, denk' ich die ganze zeit, seit ich dies las. blogs sind so etwas. man probiert, ob die farben zusammen passen. manchmal passen sie zusammen. es ist kein wirkliches kommunizieren. es ist eher ein aufgreifen von themen, die einem verwandt sind. insofern bestenfalls eine konstruktive rezeption. wenn der tag paßt, die stimmung, die einstimmung, die identifikation usw. dann mag man sich vielleicht auch vernetzen. im kommentar. und somit als spinne selbst auf kommentierende warten. wobei ich sagen muß, daß ich in meinen mehr als 1000 tagen auch unangenehme erfahrungen gemacht habe. es gab auch destruktive kommunikationen. - also mosaiksteinchen. ein jeder bastelt an seinem mosaik, mehr oder weniger von sich oder von anderen beeinflußt. - zu meinem blog: nicht unbedingt wegen der kommunikation, sondern eher als bühne, die mich zwingt und zwingen soll, mein schreiben hervorzubringen...

tja - 7. Mai, 22:24

mosaike basteln, sich zum schreiben zwingen

ich denke, letztgesagtes könnte eine winzige motivation sein... sich allein und mit anderen bewusst werden, was man eigentlich rund um die uhr für einen mist verzapft.
manchmal gibt es sehr befruchtende momente, gerade diese kopfgeschichte war so einer.

ich versuche meine erwartungen zurückzuschrauben und weniger zeit zu investieren, aber alles, was ohne enthusiasmus passiert, kann auch getrost ganz ausfallen, weil es nichts bringt. bloggs, die tagebuchfunktion besitzen, sehen auch anders aus, als meiner. klar sind bilder auch tagebuch, machen dinge auch bewusst- nur ist der von mir formulierte anspruch ein anderer...

das bild der spinne gefällt mir, hehe.

das aufgreifen verwandter themen finde ich gut- schön wäre vielleicht auch das anschließende weitertragen, das zusammenstellen in einem gemeinsamen blog. ich liebe etwas im zusammenhang, an einer stelle zu finden. das kommt vielleicht von der prägung durch das buch. man könnte ja auch in gewissen abständen- nach einem jahr z.b. blogübergreifendes, das ähnliche themen berührte, als quintessenz noch einmal zusammen führen.
tja - 9. Mai, 23:44

wortmeer antwortet indirekt

wie ich eben bei wortmeer las, hat sie sich ebenfalls mit diesem thema beschäftigt.

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