Montierter Zufall- aufgeklebte Momente bei Daniel Spoerri
-Dem Zufall auf der Spur-
(Materialsammlung zum Zufall in der Kunst -3-)
3. 6. Fallenbilder von Daniel Spoerri
"Fallenbild: Gegenstände, die in zufälligen, unordentlichen oder ordentlichen Situationen gefunden werden, auf ihrer zufälligen Unterlage (Tisch, Schachtel, Schublade usw.) befestigt. Verändert wird nur die Ebene: Indem das Resultat zum Bild erklärt wird, wird Horizontales vertikal."
Daniel Spoerri, 1960 (Ausstellungskatalog 1966, S. 4)

Bildquelle
In diesem einfachen Konzept verbirgt sich, nach Hans Saner, eine Lebens- und Kunstphilosophie: Alles Vergängliche ist in seiner Bodenlosigkeit voller Fallen. Die Welt in ihrer Zufälligkeit stellt uns Fallen, die zuschnappen, wenn wir uns von ihr fixieren lassen, und wir stellen ihr Fallen, die zuschnappen, wenn wir einen Ausschnitt von ihr fixieren."
Der aus Rumänien stammende Künstler (geb. 1930) kam 1942 in die Schweiz, wo er sich in verschiedensten Jobs verdingte: als Obstverkäufer, Handlanger, Kellner, Buchhändler, Dichter, Tänzer (in den 50ern in Bern), Pantomime, Fremdenführer, Fotograf, Film- und Theaterregisseur usw.
1960 schuf er seine ersten Fallenbilder- angeregt durch Ready-mades von Marcel Duchamp und Man Ray. Klar standen ihm auch die Dadaisten mit ihren vom Zufall geprägten Arbeiten Pate.
Er montierte Material aus zufällig entstandenen Situationen mit Kunstharzbinder fest. "Einfrieren von Zufallsssituationen" nannte Emmet Williams, die Fallenbilder seines Freundes. Spoerris Anliegen:
"Daß ich einen Moment wählte, der nach landläufigen Begriffen nicht schön war, geschah ja gerade, weil ich die Welt so sah, häßlich, dreckig und traurig und nicht schön aufgeräumt und verlogen arrangiert. Aber das war nur eine Geste und nicht die Konsequenz, die ich daraus erst langsam ziehen mußte. Erstmal mußte ich wissen, wie es dazu kam, zu dieser Unodnung auf dem Tisch - ich mußte in die Küche zurück, ich wollte wissen wie man kocht, was man dazu braucht ... und so merkte ich, da dieser eine aufgeklebte Moment nur eine Blitzsekunde war im Ablauf des ganzen Zyklus, der Leben und Tod, Verwesung und Wiedergeburt heißt. So weit gespannt ist dieses Thema ... und es gehört dazu der Verfall, aber auch der schöpferische Akt des neu Entstehenden."
Der Künstler akzeptiert den Zufall uneingeschränkt, er korrigiert nichts und arbeitet damit konsequent nach Duchamps Auffassung, dass ein ästhetisches Werk durch die Konservierung des Zufalls enstünde. (Spoerri war Mitbegründer des Nouveau Réalisme in Paris, der sich mit Objektivität der Subjektivität der Abstrakten Kunst entgegenstellen wollte)
Die Objekte erfahren nach dieser Methode einen Bedeutungswandel- allein schon dadurch, dass sie aus ihrer ursprünglichen Umgebung herausgelöst und in Ausstellungsräumen präsentiert und nur noch betrachtet werden. Die Surrealisten nannten diesen neuartigen Umgang mit Fundgegenständen depayser, was so viel wie entheimaten bedeutet. Das deutsche Wort verfremden erfasst hingegen nur einen Teil des Bedeutungsaspektes. Seine von ihm so bezeichneten Fallenbilder (tableaux-pieges) zeigen Objekt-Bild-Charakter.

Sevilla-Serie Nr. 12: Deutsches (Berliner) Geschirr auf Scanacrome von Nr. 2, mit Totenschädel, falscher 50 Francs-Note, von Combas signiert; eaten by ...Robert Combas und Gästen des Sevilla-Banketts
Paris, Atelier, rue du Retrait, 19. November 1991; 80 x 160 x 40 cm (Lampe); © VBK Wien, 2003
Spoerri steigert seine Zufallsarbeit, als er die zufällige Konstellation von Gegenständen nicht mehr montiert, sondern lediglich nur noch mittels Fotografie, Planzeichnung und der Beschreibung des Vorgefundenen fixiert (in seinem Buch Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls). In der schriftlichen Fixierung wechseln einfache, sachlich nüchterne Benennungen von Objekten mit Nummern und detaillierte Situationsschilderungen ab. Mal gewinnt man den Eindruck von der Arbeit eines Archäologen, der Funde sorgfältig kartografiert, mal erinnert die Arbeit an Sherlock Holms akribische Rekonstruktionen und mal versenkt man sich in seine Assoziationen aus der eigenen Lebensgeschichte.

Tintin l'elefante - Tintin Elefant, Daniel Spoerri, Bronze 1993 1 von 8 + 1 Exemplaren. 160 x 85 x 75 cm
Sicherlich tragen seine Arbeit als Chef eines Restaurants (70er Jahre) und als Begründer der Eat Art (*1) (betrieb in Düsseldorf die Eat Art-Gallery und das Restaurant Spoerri und lebte damit auch eine unmittelbare Verbindung zwischen Kochen und Kunst, was er in künstlerisch gestalteten Kochbüchern festhielt), sowie seine zahlreichen Bankette ihren Teil zu dieser Entwicklung bei.
Der Künstler schuf des weiteren in den 90er Jahren einen ausgedehnten Skulpturenpark (in Seggiano in der Provinz Grosseto), der seit 1997 in eine italienische Stiftung überführt wurde (*2) und seine Ausstellungen der letzten Jahre spiegeln eine stetige Weiterentwicklung des Künstlers, mit dem ich erstmalig vor einigen Jahren, im Rahmen einer Ausstellung der Villa Kobe konfrontiert wurde. Damals interessierten mich eher seine ironisch-makabren Montageplastiken aus Fundstücken.

Villa Kobe; Halle, 2001
La création de l´homme, 1991, L´Histoire des boîtes à lettres; Serie Erich Bammler; DANIEL SPOERRI; Assemblage auf Leinwand mit Scanacromvergrößerung auf Holz aufgezogen (213 x 123 x 83 cm)
Klar ist nicht jedes Fallenbild ein reines Zufallsprodukt. Indem der Künstler z.B. die Anzahl seiner geladenen Gäste sowie die Speisefolge und das zu entstehende Format des Objektgrundes festlegt (so z.B. einmal gemeinsam mit dem Auftraggeber Hahn)- so geschehen bei Hahns Abendmahl, 1964 - nimmt er ganz bewusst Entscheidungen vorweg. Im genannten Bsp. wurden die Gäste aufgefordert, ihr eigenes Geschirr mitzubringen. So war garantiert, dass eine gewisse persönliche Note im Bild entstehen würde- Teilporträts unterschiedlicher Persönlichkeiten. Spoerri bestimmte auch den Zeitpunkt des Endpunktes der Tafel, den Zeitpunkt, wo er alles fixierte.

Hahns Abendmahl, Daniel Spoerri 1964
"Daniel Spoerri gebraucht das Material über die Irrwege von Analogien, über die pseudowissenschaftlichen Zuschreibungen und die damit verbundenen Milieu- oder Rassentheorien mit Gelassenheit. Aufklärerisches Wachrütteln, pädagogisierendes Politisieren, eine dem gestellten Thema möglicherweise angemessene political correctness, sind seine Sache nicht. Um so beißender dann sein sich fast unversehens einschleichender Witz, die nachsichtige Ironie, die in hamletscher Weisheit selbst noch dem absolut Bösen die würdige Rolle zuschreibt, Anlass für das Nachdenken zu werden." Daniel Spoerri Ausstellung, Le Carneval des Animaux (Der Karneval der Tiere), 1998
Dies zeigt sich auch im Objektbild La création de l´homme von 1991.
_______________________________
*1 EatArt:
- Begriff wurde von Spoerri geprägt
- Spoerri betrachtete Kochkunst als Teil der Bildenden Kunst
- während Eat Art-Aktionen in Restaurants trat er selbst als Koch auf, kreierte neue Gerichte und Rezepte, parodierte dabei teilweise die gehobene Küche (Madalina Diaconu in Tasten - Riechen - Schmecken. Eine Ästhetik der anästhetisierten Sinne, Würzburg 2005, S. 408 ff.)
- Spoerri betrieb zwischen 1968 und 1972 in der Altstadt von Düsseldorf ein eigenes Restaurant und darin eine Eat Art Gallery - schuf Fallenbildern, Objekte aus Brotteig
- eines seiner Ziele: objektive Realität mit verschiedenen formalen Mitteln der Alltagswelt darzustellen- Parallelen zur Kommerz-Kunst der Pop-Art
- weitere Vertreter der Eat Art - in Zusammenarbeit mit Spoerri - André Thomkins und Dieter Roth, die z.B. Kunstobjekte, die auf Bestellung beim Bäcker als Kuchen hergestellt werden); Roth stellte ab 1961 rund 50 „Literaturwürste“ her, dafür zerkleinerte er Buch- und Zeitschriftenseiten, vermengte mit Gelatine, Fett und Gewürzen, füllte in Wurstdärme (Bsp. "verwurstete" er Die Blechtrommel von Günter Grass und die Gesammelten Werke von Hegel)
"Literaturwurst (Die Blechtrommel), 1967:
Dieter Roth beginnt ab 1961 mit der Herstellung von so genannten Literaturwürsten. Lediglich die Etiketten der Buch- und Zeitschriftenartikel bleiben integral erhalten und werden auf Würste appliziert, die nach bestimmten Rezepturen hergestellt werden.
Der Text von Günter Grass (Die Blechtrommel, 1967) wurde zerkleinert, vermengt mit den Zutaten eines Wurstrezeptes in eine Pellle gestopft.
„Die von Roth inbrünstig gehasste moralisierende Besserwisserei wird zerlegt und zur Konsumierung über den Verdauungsapparat angeboten. Der rational empfundene Ekel vor dem Text erfährt durch das reale Stinken der Buchstaben eine unmittelbare Steigerung.“
(...)
„Roth interessiert sich nicht für das Schöne und die Perfektion in der Kunst, sonderner betreibt eine ungeplantere Arbeitsweise, die jegliche Ästhetik ablehnt.“
Seine Arbeiten sorgen für Kopfzerbrechen...
Variabilität, Dekonstruktion sowie eine prozess- und materialorientierte Arbeitsweise verbinden das Werk des Künstlers. Der Künstler ist laufend in Ausstellungen vertreten. Seine Arbeiten sorgen für viel Kopfzerbrechen bei seinen Besitzern, da das „Ablaufdatum“ der Werke bereits um ein Vielfaches überschritten wurde und sie unweigerlich dem Verfall geweiht sind." (Biografie und Arbeit von Dieter Roth)

Bildquelle

Literatur Sausage (Martin Walser: Halftime), Dieter Roth (Bildquelle)
- Roth schuf dem Zufall ein ganzes Haus- er eröffnete ein Schimmelmuseum
*2 Kurzbiografie:
- Spoerri wurde als Daniel Isaak Feinstein am 27.03.1930 in Galati (Rumänien) geb.
- sein Vater, Isaac Feinstein, war konvertiert, im christlichen Glauben zum Missionar im Dienst der Norwegischen Mission für Israel berufen worden
- dieser Umstand half seiner Fam. nicht, als Rumänien 1941 an der Seite Nazideutschlands in den Krieg eintrat; aufgrund der Judenverfolgung wurde der Vater verschleppt und ermordet
- Daniels Mutter, Lydia, geborene Spoerri, war Schweizerin, konnte als Witwe für sich und ihre sechs Kinder den Reisepass beantragen, den man ihr als Frau eines Verfolgten verwehrt hätte; auf Umwegen gelang ihr mitten im Krieg die Flucht in die Schweiz, wo sie und die Kinder unter ihrem Mädchennamen aufgenommen wurden (Daniel war 12 Jahre alt)
-nach dieser Ur-Erfahrung führte Daniel stets ein Nomadendasein- nirgends hält es ihn lange; kehrt immer wieder in Großstädte zurück (Paris, Amsterdam, New York, Berlin, Wien) – schlägt kaum Wurzeln, - stürzte sich intensiv in den Kunstbetrieb, gründet ein Restaurant, betreibt einen Verlag, nimmt eine Professur an, hängt alles wieder an den Nagel
- seine Beziehung zu den Dingen wurde stellvertretend für sein menschliches Schicksal gesehen- sie waren das einzige, an das er sich halten konnte, vielleicht weil sie beständiger und verlässlicher als Menschen waren; Wieland Schmied 1998 dazu: (...) die Dinge erzählen uns unsere eigene Geschichte, und wir erkennen uns in ihnen wieder...
- seit 2007 lebt Spoerri in Wien.
Museen, in den Werke von Daniel Spoerri hängen
Quellen:
Praxis Kunst - Zufallsverfahren, E. Brügel, Schroedel, 2000
Grundsteine Kunst 3, Klett, 1999
Kammerlohr- Epochen der Kunst, Bd. 4, Oldenbourg, 1989
Praktiken der Modernen Kunst, Klett, 1996
Kunst der Gegenwart- Propyläen Kunstgeschichte, 1985
Arbeitsbuch Kunstunterricht Sek. II- Kunst nach 1945, Cornelsen, 1987
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(Materialsammlung zum Zufall in der Kunst -3-)
3. 6. Fallenbilder von Daniel Spoerri
"Fallenbild: Gegenstände, die in zufälligen, unordentlichen oder ordentlichen Situationen gefunden werden, auf ihrer zufälligen Unterlage (Tisch, Schachtel, Schublade usw.) befestigt. Verändert wird nur die Ebene: Indem das Resultat zum Bild erklärt wird, wird Horizontales vertikal."
Daniel Spoerri, 1960 (Ausstellungskatalog 1966, S. 4)

Bildquelle
In diesem einfachen Konzept verbirgt sich, nach Hans Saner, eine Lebens- und Kunstphilosophie: Alles Vergängliche ist in seiner Bodenlosigkeit voller Fallen. Die Welt in ihrer Zufälligkeit stellt uns Fallen, die zuschnappen, wenn wir uns von ihr fixieren lassen, und wir stellen ihr Fallen, die zuschnappen, wenn wir einen Ausschnitt von ihr fixieren."
Der aus Rumänien stammende Künstler (geb. 1930) kam 1942 in die Schweiz, wo er sich in verschiedensten Jobs verdingte: als Obstverkäufer, Handlanger, Kellner, Buchhändler, Dichter, Tänzer (in den 50ern in Bern), Pantomime, Fremdenführer, Fotograf, Film- und Theaterregisseur usw.
1960 schuf er seine ersten Fallenbilder- angeregt durch Ready-mades von Marcel Duchamp und Man Ray. Klar standen ihm auch die Dadaisten mit ihren vom Zufall geprägten Arbeiten Pate.
Er montierte Material aus zufällig entstandenen Situationen mit Kunstharzbinder fest. "Einfrieren von Zufallsssituationen" nannte Emmet Williams, die Fallenbilder seines Freundes. Spoerris Anliegen:
"Daß ich einen Moment wählte, der nach landläufigen Begriffen nicht schön war, geschah ja gerade, weil ich die Welt so sah, häßlich, dreckig und traurig und nicht schön aufgeräumt und verlogen arrangiert. Aber das war nur eine Geste und nicht die Konsequenz, die ich daraus erst langsam ziehen mußte. Erstmal mußte ich wissen, wie es dazu kam, zu dieser Unodnung auf dem Tisch - ich mußte in die Küche zurück, ich wollte wissen wie man kocht, was man dazu braucht ... und so merkte ich, da dieser eine aufgeklebte Moment nur eine Blitzsekunde war im Ablauf des ganzen Zyklus, der Leben und Tod, Verwesung und Wiedergeburt heißt. So weit gespannt ist dieses Thema ... und es gehört dazu der Verfall, aber auch der schöpferische Akt des neu Entstehenden."
Der Künstler akzeptiert den Zufall uneingeschränkt, er korrigiert nichts und arbeitet damit konsequent nach Duchamps Auffassung, dass ein ästhetisches Werk durch die Konservierung des Zufalls enstünde. (Spoerri war Mitbegründer des Nouveau Réalisme in Paris, der sich mit Objektivität der Subjektivität der Abstrakten Kunst entgegenstellen wollte)
Die Objekte erfahren nach dieser Methode einen Bedeutungswandel- allein schon dadurch, dass sie aus ihrer ursprünglichen Umgebung herausgelöst und in Ausstellungsräumen präsentiert und nur noch betrachtet werden. Die Surrealisten nannten diesen neuartigen Umgang mit Fundgegenständen depayser, was so viel wie entheimaten bedeutet. Das deutsche Wort verfremden erfasst hingegen nur einen Teil des Bedeutungsaspektes. Seine von ihm so bezeichneten Fallenbilder (tableaux-pieges) zeigen Objekt-Bild-Charakter.

Sevilla-Serie Nr. 12: Deutsches (Berliner) Geschirr auf Scanacrome von Nr. 2, mit Totenschädel, falscher 50 Francs-Note, von Combas signiert; eaten by ...Robert Combas und Gästen des Sevilla-Banketts
Paris, Atelier, rue du Retrait, 19. November 1991; 80 x 160 x 40 cm (Lampe); © VBK Wien, 2003
Spoerri steigert seine Zufallsarbeit, als er die zufällige Konstellation von Gegenständen nicht mehr montiert, sondern lediglich nur noch mittels Fotografie, Planzeichnung und der Beschreibung des Vorgefundenen fixiert (in seinem Buch Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls). In der schriftlichen Fixierung wechseln einfache, sachlich nüchterne Benennungen von Objekten mit Nummern und detaillierte Situationsschilderungen ab. Mal gewinnt man den Eindruck von der Arbeit eines Archäologen, der Funde sorgfältig kartografiert, mal erinnert die Arbeit an Sherlock Holms akribische Rekonstruktionen und mal versenkt man sich in seine Assoziationen aus der eigenen Lebensgeschichte.

Tintin l'elefante - Tintin Elefant, Daniel Spoerri, Bronze 1993 1 von 8 + 1 Exemplaren. 160 x 85 x 75 cm
Sicherlich tragen seine Arbeit als Chef eines Restaurants (70er Jahre) und als Begründer der Eat Art (*1) (betrieb in Düsseldorf die Eat Art-Gallery und das Restaurant Spoerri und lebte damit auch eine unmittelbare Verbindung zwischen Kochen und Kunst, was er in künstlerisch gestalteten Kochbüchern festhielt), sowie seine zahlreichen Bankette ihren Teil zu dieser Entwicklung bei.
Der Künstler schuf des weiteren in den 90er Jahren einen ausgedehnten Skulpturenpark (in Seggiano in der Provinz Grosseto), der seit 1997 in eine italienische Stiftung überführt wurde (*2) und seine Ausstellungen der letzten Jahre spiegeln eine stetige Weiterentwicklung des Künstlers, mit dem ich erstmalig vor einigen Jahren, im Rahmen einer Ausstellung der Villa Kobe konfrontiert wurde. Damals interessierten mich eher seine ironisch-makabren Montageplastiken aus Fundstücken.

Villa Kobe; Halle, 2001
La création de l´homme, 1991, L´Histoire des boîtes à lettres; Serie Erich Bammler; DANIEL SPOERRI; Assemblage auf Leinwand mit Scanacromvergrößerung auf Holz aufgezogen (213 x 123 x 83 cm)
Klar ist nicht jedes Fallenbild ein reines Zufallsprodukt. Indem der Künstler z.B. die Anzahl seiner geladenen Gäste sowie die Speisefolge und das zu entstehende Format des Objektgrundes festlegt (so z.B. einmal gemeinsam mit dem Auftraggeber Hahn)- so geschehen bei Hahns Abendmahl, 1964 - nimmt er ganz bewusst Entscheidungen vorweg. Im genannten Bsp. wurden die Gäste aufgefordert, ihr eigenes Geschirr mitzubringen. So war garantiert, dass eine gewisse persönliche Note im Bild entstehen würde- Teilporträts unterschiedlicher Persönlichkeiten. Spoerri bestimmte auch den Zeitpunkt des Endpunktes der Tafel, den Zeitpunkt, wo er alles fixierte.

Hahns Abendmahl, Daniel Spoerri 1964
"Daniel Spoerri gebraucht das Material über die Irrwege von Analogien, über die pseudowissenschaftlichen Zuschreibungen und die damit verbundenen Milieu- oder Rassentheorien mit Gelassenheit. Aufklärerisches Wachrütteln, pädagogisierendes Politisieren, eine dem gestellten Thema möglicherweise angemessene political correctness, sind seine Sache nicht. Um so beißender dann sein sich fast unversehens einschleichender Witz, die nachsichtige Ironie, die in hamletscher Weisheit selbst noch dem absolut Bösen die würdige Rolle zuschreibt, Anlass für das Nachdenken zu werden." Daniel Spoerri Ausstellung, Le Carneval des Animaux (Der Karneval der Tiere), 1998
Dies zeigt sich auch im Objektbild La création de l´homme von 1991.
*1 EatArt:
- Begriff wurde von Spoerri geprägt
- Spoerri betrachtete Kochkunst als Teil der Bildenden Kunst
- während Eat Art-Aktionen in Restaurants trat er selbst als Koch auf, kreierte neue Gerichte und Rezepte, parodierte dabei teilweise die gehobene Küche (Madalina Diaconu in Tasten - Riechen - Schmecken. Eine Ästhetik der anästhetisierten Sinne, Würzburg 2005, S. 408 ff.)
- Spoerri betrieb zwischen 1968 und 1972 in der Altstadt von Düsseldorf ein eigenes Restaurant und darin eine Eat Art Gallery - schuf Fallenbildern, Objekte aus Brotteig
- eines seiner Ziele: objektive Realität mit verschiedenen formalen Mitteln der Alltagswelt darzustellen- Parallelen zur Kommerz-Kunst der Pop-Art
- weitere Vertreter der Eat Art - in Zusammenarbeit mit Spoerri - André Thomkins und Dieter Roth, die z.B. Kunstobjekte, die auf Bestellung beim Bäcker als Kuchen hergestellt werden); Roth stellte ab 1961 rund 50 „Literaturwürste“ her, dafür zerkleinerte er Buch- und Zeitschriftenseiten, vermengte mit Gelatine, Fett und Gewürzen, füllte in Wurstdärme (Bsp. "verwurstete" er Die Blechtrommel von Günter Grass und die Gesammelten Werke von Hegel)
"Literaturwurst (Die Blechtrommel), 1967:
Dieter Roth beginnt ab 1961 mit der Herstellung von so genannten Literaturwürsten. Lediglich die Etiketten der Buch- und Zeitschriftenartikel bleiben integral erhalten und werden auf Würste appliziert, die nach bestimmten Rezepturen hergestellt werden.
Der Text von Günter Grass (Die Blechtrommel, 1967) wurde zerkleinert, vermengt mit den Zutaten eines Wurstrezeptes in eine Pellle gestopft.
„Die von Roth inbrünstig gehasste moralisierende Besserwisserei wird zerlegt und zur Konsumierung über den Verdauungsapparat angeboten. Der rational empfundene Ekel vor dem Text erfährt durch das reale Stinken der Buchstaben eine unmittelbare Steigerung.“
(...)
„Roth interessiert sich nicht für das Schöne und die Perfektion in der Kunst, sonderner betreibt eine ungeplantere Arbeitsweise, die jegliche Ästhetik ablehnt.“
Seine Arbeiten sorgen für Kopfzerbrechen...
Variabilität, Dekonstruktion sowie eine prozess- und materialorientierte Arbeitsweise verbinden das Werk des Künstlers. Der Künstler ist laufend in Ausstellungen vertreten. Seine Arbeiten sorgen für viel Kopfzerbrechen bei seinen Besitzern, da das „Ablaufdatum“ der Werke bereits um ein Vielfaches überschritten wurde und sie unweigerlich dem Verfall geweiht sind." (Biografie und Arbeit von Dieter Roth)

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Literatur Sausage (Martin Walser: Halftime), Dieter Roth (Bildquelle)
- Roth schuf dem Zufall ein ganzes Haus- er eröffnete ein Schimmelmuseum
*2 Kurzbiografie:
- Spoerri wurde als Daniel Isaak Feinstein am 27.03.1930 in Galati (Rumänien) geb.
- sein Vater, Isaac Feinstein, war konvertiert, im christlichen Glauben zum Missionar im Dienst der Norwegischen Mission für Israel berufen worden
- dieser Umstand half seiner Fam. nicht, als Rumänien 1941 an der Seite Nazideutschlands in den Krieg eintrat; aufgrund der Judenverfolgung wurde der Vater verschleppt und ermordet
- Daniels Mutter, Lydia, geborene Spoerri, war Schweizerin, konnte als Witwe für sich und ihre sechs Kinder den Reisepass beantragen, den man ihr als Frau eines Verfolgten verwehrt hätte; auf Umwegen gelang ihr mitten im Krieg die Flucht in die Schweiz, wo sie und die Kinder unter ihrem Mädchennamen aufgenommen wurden (Daniel war 12 Jahre alt)
-nach dieser Ur-Erfahrung führte Daniel stets ein Nomadendasein- nirgends hält es ihn lange; kehrt immer wieder in Großstädte zurück (Paris, Amsterdam, New York, Berlin, Wien) – schlägt kaum Wurzeln, - stürzte sich intensiv in den Kunstbetrieb, gründet ein Restaurant, betreibt einen Verlag, nimmt eine Professur an, hängt alles wieder an den Nagel
- seine Beziehung zu den Dingen wurde stellvertretend für sein menschliches Schicksal gesehen- sie waren das einzige, an das er sich halten konnte, vielleicht weil sie beständiger und verlässlicher als Menschen waren; Wieland Schmied 1998 dazu: (...) die Dinge erzählen uns unsere eigene Geschichte, und wir erkennen uns in ihnen wieder...
- seit 2007 lebt Spoerri in Wien.
Museen, in den Werke von Daniel Spoerri hängen
Quellen:
Praxis Kunst - Zufallsverfahren, E. Brügel, Schroedel, 2000
Grundsteine Kunst 3, Klett, 1999
Kammerlohr- Epochen der Kunst, Bd. 4, Oldenbourg, 1989
Praktiken der Modernen Kunst, Klett, 1996
Kunst der Gegenwart- Propyläen Kunstgeschichte, 1985
Arbeitsbuch Kunstunterricht Sek. II- Kunst nach 1945, Cornelsen, 1987
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tja - 1. Mai, 06:57






