Montag, 3. März 2008

Fische (Metaphern & Allegorien) bei Cortázar - Waterworld (6)

Verwandtschaft:
1. Waterworld (5)
2. Die Versuchung/ Aspidochelone- step back (Moralisierender Walgesang 7)/ Dem Zufall auf der Spur
3. Eine Wort-Bild-Hochzeit II


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Eine Wort-Bild-Hochzeit

"Wir gingen in die Läden, in denen die empfindlichsten Arten ihre Spezialbassins hatten, mit Thermometer und roten Würmchen. Unter lauten Ausrufen, zum Ärger der Verkäuferinnen, die genau wussten, dass wir ihnen nichts zu 550 fr. pièce abkaufen würden, entdeckten wir das Verhalten, das Liebesleben, die unterschiedliche Gestalt der Fische.

Es war die zerfließende Zeit, etwas wie sehr feine Schokolade oder Apfelsinencreme á la Martinique, wir berauschten uns an Metaphern und Analogien, wir wollten nach innen gelangen.

Dieser Fisch, weißt du noch, war ganz und gar Giotto, und zwei andere spielten wie Jadehunde, oder ein Fisch war der genaue Schatten einer violetten Wolke...

Wir entdeckten, wie das Leben sich in Formen einrichtet, denen die dritte Dimension genommen ist, die verschwinden, wenn sie sich im Profil zeigen. oder sie lassen eben nur einen regungslosen vertikalen kleinen Strich im Wasser zurück.

Ein Schlag mit der Flosse, und auf monströse Weise sind sie wieder da mit Augen, Bart, Flossen, und aus dem Bauch kommt zuweilen und schwebt hinter ihnen her ein transparentes Band von Exkrementen, das sich nicht von ihnen trennen will, ein Ballast, der sie plötzlich unter uns stellt, sie der Vollkommenheit reiner Bilder entreißt, sie komprimittiert, um es mit einem jener großen Worte zu sagen, die wir damals stets gebrauchten."

(Julio Cortazar, Rayuela - Himmel und Hölle, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1983, S. 48)

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Giotto, Paulo Uccello (1397-1475) *1


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Quelle *2


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Randgeschichten:

*1

Der mit Uccelo befreundete Donatello behauptete, dieser vergeude seine Zeit mit dem Zeichnen von mazzocchi - der eigenartig geformten Kopfbedeckung der Männer im Quattrocento, außerdem mit dem Projizieren von Punkten und Kugeln mit 72 Facetten, perspektivisch und unter verschiedenen Winkeln gesehen.

Zeitgenossen nannten ihn den "verrückte Paolo". Er war besessen von der Geometrie, die sich in den Formen verbirgt.
"...einsam, exzentrisch, melancholisch und arm, wurde er immer von den schwierigsten Dingen in der Kunst angezogen." (Vasari)

Die Wirklichkeit lag für ihn in der geometrischen Form, nicht in der Farbe. Um dies auszudrücken, malte er zu Vasaris Entsetzen "die Felder blau, die Städte rot, die Gebäude in verschiedenen, seiner Fantasie entsprechenden Schattierungen." (Quelle)

*2

Klasse: Knochenfische (Osteichthyes)
Ordnung: Karpfenartige (Cypriniformes)
Familie: Weissfische (Cyprinidae)
Gattung: Carassius
Art: Goldfisch (Carassius auratus auratus)
Unterart / Zuchtform: Himmelsgucker

"Bei dieser Schleierschwanz-Zuchtform sind die Augen extrem vergrößert und nach oben gerichtet."

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gezüchtete augen vor geometrischer tiefe
es sei so, als ob ich bei dir schliefe
dein schleierschwanz spielt wie verrückt
unterm rosa strich, tief vornüber gebückt
wir himmelsgucker sind nicht unzufrieden
mit schokoladenpopos, fantasiegetrieben
karpfengleich hälst du donatello fest im griff
wer rote städte malt, vergisst die farbe des riffs

mit nem thermoturboexkrementenfisch
legst du das Quattrocento vor mir auf den tisch
vollkommen wild in der dritten dimension
fließen die analogien gegen den strom.
anal-logien... nun hab ichs geschnallt,
bezogen sich auf meinen hinter(n) halt.
musst nicht gleich in jeden winkel pinkeln,
wo jadehunde eh schon stinkeln...
mit ihrem lila gewürm

BF, 03.03.2008
 

Blutopfer IV

5. Das Blutopfer-Ritual II

In der polytheistischen Glaubensvorstelllung der Mayas (s.u.) stellte man sich die Götter analog zu den Menschen als sterbliche Wesen vor. So diente das Opfer auch nicht einfach nur zu ihrer Gnädigstimmung, vielmehr war es der Opferdienst der Menschen, der die Götter in gewisser Weise am Leben erhielt.

"Es herrschte ein Art Symbiose: die Menschen konnten ohne die Götter nicht leben, die den Regen brachten und den Mais wachsen ließen, umgekehrt brachten die Menschen den Göttern Nahrung – ihr Blut.
Dadurch, daß es zusammen mit Kopalharz und anderen Beigaben verbrannt wurde, konnte der aufsteigende Rauch die Götter am Leben erhalten, nur in dieser Form konnten sie das Blut konsumieren.
In den aufsteigenden Rauchwolken manifestierte sich das Übernatürliche sichtbar für den Ritusteilnehmer.
Folglich kann man annehmen, daß das Blutopfer die Maya in ihrem alltäglichen Leben begleitet hat."
Quelle

So erklärt sich auch die übliche Darstellungsweise in der Maya-Kunst, die Könige zeigt, welche einen Gott als Säugling im Arm tragen. Andererseits wurden Götter zugleich als uralte Wesen vorgestellt.

Das menschliche Blut spielte bei den Mayas (wie auch bei anderen Kulturen Mittelamerikas ) eine besondere Rolle. Wie in unserem Relief zu sehen, war es Tradition, dass hochgestellte Persönlichkeiten ihr Blut opferten, z. B., indem sie sich dornige Fäden durch Lippe oder Zunge zogen oder auch den Penis mit Seeigel- bzw. Rochenstacheln anstachen.
Dabei schien gerade die Schmerzhaftigkeit dieser Praxis für ihren religiösen Wert von großer Bedeutung gewesen zu sein. Es ist bis heute ungeklärt, ob die meist in klassischer Zeit dargestellte Visionsschlange bei diesem Ritual ein Hinweis darauf ist, dass der Blutverlust zu religiösen Eingebungen führte. *5

Zumindest scheint klar zu sein, dass das Blut für die Mayas Sitz der Seele und Lebenskraft war. Aus ihrer Sicht stellte man sich die Seele selbst als Atemseele, also luft- oder rauchförmig vor. Das ist wohl der Grund, warum sie diese blutdurchtränkten Papierstreifen aufhoben, um sie anschließend zu verbrennen.

In Mesoamerika ist das Blut mit Symbolik belegt. So wird es in verschiedenen Quellen als magische, mysteriöse Flüssigkeit bezeichnet, deren Kräfte übernatürlichen Ursprungs seien.
"Jedes Individuum erhält bei seiner Geburt diesen lebensspendenden Saft aus der kosmischen Energie. Das Blut, Symbol für die Lebensenergie des Menschen, aber auch der Tiere und Pflanzen (z.B. wird das Harz, das Blut des Kopalbaumes, in manchen Riten anstelle von tierischem oder menschlichem Blut verwendet) (...)" *6

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Türsturz 25 (Quelle)


Im Türsturz 25 ist das Blutopfer bereits beendet und vor ihren Augen materialisiert sich nun eine riesenhafte doppelköpfige Visionsschlange, deren vorderer Kopf den Rachen für eine Gottheit oder einen Ahnherrn im Kriegsornat öffnet, um auszutreten.

Die nachfolgende Darstellung stammt aus einem anderen Tempel, zeigt aber unsere Visionsschlange, als Folge einer Einnahme von Halluzinogenen oder durch den starken Blutverlust durch Selbstkasteiung erschienen. Abgebildet ist Frau Wak Tun, auch eine der Gattinnen von Yaxun Balam, ebenfalls mit dem beschriebenen Korb, der die blutgetränkten Rindenpapierstreifen beherbergt.

Interessant ist, dass wir hier zusätzlich einen Rochenstachel am Rande des Korbes finden, wie er zur Durchbohrung von Körperteilen für die Selbstkasteiung verwendet wurde. Frau Xok wurde in unserem Türsturz 24 mit der Schnur durch die Zunge ziehend dargestellt, während Frau Wak Tun sie bereits über dem Korb links abgelegt hat. Sie trägt ihr Haar nach hinten gekämmt und mit blutbefleckten Papierstreifen zusammengebunden.

Ich habe mich gefragt, wie man zu dieser Feststellung kommen konnte, dass blutige Papierstreifen das Haar zieren und bemerkte, dass es die selben Muster sind, die die Streifen in Korb und Haar reliefartig schmücken.

In diesem Türsturz ist das Ritual offenbar beendet, Frau Wak Tun erblickt im weit aufgerissenen Maul der naturalistisch dargestellten Schlange den Kopf eines Vorfahren.

Die perlenbesetzten Voluten rings um den Unterleib der Schlange signalisieren nach N. Grube den Begriff muyal, (Wolke); und sie zeigen an, dass die Idee von der Schlage eine Vision ist bzw. dass die Vision am Himmel zwischen den Wolken auftaucht. Die Schlage entwächst ja auch einer Schale mit blutgetränkten Papierstreifen und ist somit Symbol für ihre Geburt aus dem Blut der Opfernden, Frau Wak.

In den Kartuschen ist auch die Rede von K`awil, dem Gott der königlichen Dynastien, gleichzeitig steht der Name für die Manifestation der Visionsschlange. Diese Doppeldeutigkeit ist auch auf vielen Keramikgefäßen dargestellt, die den Gott K`awil mit einem Bein zeigen, dass in den Leib einer Schlange übergeht.

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Türsturz 15; Tempel 21 in Yaxchilan, Chiapas, Mexiko, 770 n.Chr.; London Britisches Museum


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*5 Ulrich Magin : "Der asiatische Schamane nimmt Pilze und andere halluzinogene Stoffe ein, um die Trancereise ins Totenreich anzutreten. Der Maya-König wählte einen anderen Weg. Er durchstieß Zunge oder Penis mit einem Rochenstachel und ließ sein Blut fließen. Der dieser Tortur folgende Schmerz führte zu Halluzinationen - in der Mayakunst symbolisiert durch die zweiköpfige Visionsschlange, aus deren Rachen die Ahnen blicken. Dadurch, dass er sein eigenes Blut vergoss, bis er halluzinierte, öffnete der König das Tor zur Unterwelt, er errichtete den Weltenbaum, der die Daseinsebenen verbindet. Man sah sogar den König als identisch mit der Weltachse an. Schele und Freidel nannten ihr Buch über die Geschichte der Maya-Fürsten "Ein Wald aus Königen" (S. 57).
(...)
Nachdem diese Tür zwischen den Dimensionen aufgestoßen war, übernahmen Dämonen, Götter oder Geister den Körper des Königs, er wurde "besessen". Der König kommunizierte in Ekstase mit der "anderen Welt", die andere Welt beriet ihn über die richtige Form seiner Entscheidungen. Während dieses Vorgangs wurden auch die natürlichen und von Menschen gemachten geographischen Fixierungen in der Landschaft "besessen" und luden sich erneut mit heiliger Energie auf.
Bei dem Blutritual wurde also quasi die Schöpfung der Welt durch die Götter nachvollzogen, sie wurde bestätigt und erneuert. Daher mussten diese Rituale auch verstärkt zu den kalendarischen Daten stattfinden, an denen man die zyklische Zerstörung der Welt erwartete; (S. 57).
(...)
Da sich bei jedem Ritual mehr heilige Kraft an einem Ort ansammelte, wurden die Tempel und Stelen mit jedem Opfer heiliger, kraftvoller.
Je öfter ein Ritual an einem bestimmten Platz vollzogen wurde, desto stärker wurde dieses "Energiefeld" (das man freilich nicht physikalisch sehen darf). Deshalb wurden Pyramiden immer wieder an den gleichen Orten gebaut, deshalb musste, wurde eine Pyramide aufgegeben, diese erst "getötet" werden, damit ihre Energie gebannt war (vgl. Schele und Freidel, Kapitel 4).
(...)
Die heilige Landschaft verlor immer mehr den Urzustand, aus dem Netzwerk natürlicher Kraftorte wurde eine komplexe Landschaft aus menschlichen und natürlichen Kraftorten. In dieses Gleichgewicht der Kraft konnte durch Rituale eingegriffen werden.
(...)
Da dieses Gleichgewicht der Landschaft auch von dem komplizierten Kalender geregelt wurde, der den richtigen Zeitpunkt für Heirat, Krieg und Thronbesteigung vorgab, war die Astrologie die am weitesten entwickelte Wissenschaft der Maya. Für die Maya erhielt sich die Welt nur, wenn ständig und zyklisch durch das Blutopfer die Schöpfung erneuert wurde. Manchmal musste es dabei zu Misserfolgen kommen. Trotz des Opfers vieler Gefangener wurde ein Krieg nicht gewonnen, trotz elender Schmerzen konnte der König die Visionsschlange nicht wachrufen, die Grenze zur jenseitigen Welt blieb geschlossen.
Die Maya schlossen daraus, dass die heilige Kraft aus ihrem König und aus ihrer Stadt gewichen war. Manchmal genügte es, den Tempel zu erneuern oder ein neues Haus zu bauen - aber manchmal wurden auch ganze große Stadtanlagen vollständig verlassen, eine Siedlung an einem neuen Ort errichtet. (Schele und Freidel, S. 61-62)
(...)
Spuren dieses Weltbilds findet man bei den heute noch lebenden Maya, in deren Welt der Dorfschamane und die von ihm vollzogenen magischen Handlungen die Rolle des Königs und des Blutopfers einnehmen.
Es ist allerdings zu vermuten, dass heutige Maya-Schamanen nicht die Rituale der Großstädte und Stadtstaaten überliefern, sondern die daran angelehnten Rituale der dörflichen Bevölkerung. Schele und Freidel (S. 60) haben bemerkt, dass Dorfschamanen in Yucatan noch heute den Weltenbaum mit Baumsamen und Maiskolben an magischen Orten wie Berghöhlen "pflanzen".
(Magin zitiert: Die unbekannte Welt der Maya; Schele, Linda und Freidel, David, Augsburg, Weltbild 1994)

*6 Das Blut der Maya - Speise für die Götter, Carolyn Zeck, 2005


Maya-Götter

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