"Der Mensch ist ein Wesen, das imaginiert, und selbst seine Vernunft ist nur eine der Formen dieses ständigen Imaginierens. Im Grunde heißt Imaginieren: über sich hinausgehen, sich projizieren, sich ständig überschreiten.
Als ein Wesen, das imaginiert, weil es begehrt, ist der Mensch fähig, die ganze Welt in ein Bild seines Verlangens zu verwandeln. Und deshalb ist er ein liebendes Wesen, er sehnt sich nach einer Präsenz, die das lebendige Bild, die Verkörperung seines Traums ist. Von Verlangen getrieben, trachtet er danach, mit diesem Bild zu verschmelzen und sich seinerseits in ein Bild zu verwandeln. Ein Spiel von Spiegeln, ein Spiel von Echos, Körper, die sich unter der beständigen Sonne der Liebe unablässig auflösen und neu erschaffen.
Die Maxime von Novalis: "Der Mensch ist Bild", hat der Surrealismus sich zu eigen gemacht. Aber auch das Umgekehrte ist wahr: Das Bild verkörpert sich im Menschen." (S. 261 f.)
Das wahre Thema unserer Zeit – und aller Zeiten – ist das der
Wiedererlangung der Unschuld durch die Liebe. (S. 274)
Poesie und Liebe sind ähnliche Akte. Die poetische Erfahrung und die Liebeserfahrung öffnen uns die Türen zu einem elektrischen Augenblick. Dort ist die Zeit keine Abfolge; gestern, heute und morgen verlieren jede Bedeutung: es gibt nur ein Immer, das auch ein Hier und Jetzt ist.
Das Gedicht ist wie die Liebe ein Akt, bei dem Geborenwerden und
Sterben, diese beiden sich widersprechenden Extreme, die uns zerreißen und die menschliche Natur so prekär machen, sich verbinden und eins werden.
Lieben heißt sterben, haben unsere Mystiker gesagt; aber auch, und eben darum, geboren werden. Der unerschöpfliche Charakter der Liebeserfahrung ist nicht verschieden von dem der Poesie. René Char schreibt: "Das Gedicht ist die verwirklichte Liebe des Verlangens, das Verlangen bleibt." (S. 275)
Octavio Paz (México, 1954), Der Surrealismus- Essays 2, Frankfurt/Main 1980