Dienstag, 8. Mai 2007

Waldpop mit schwarzer und weißer Notation/ Kinderspiel?

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Kommentar und Rückmeldung zur Gilde der pechschwarzen Liebe von Perkampus, Teil 5 (03.12.2006)

Zum Text

Beinahe hätte ich gesagt, dass es sich, ausgehend von „eidyllion“, hier um ein neues Wort handelt, unbedarft, wie ich manchmal bin. Ich sah darin eine Vermischung der Wörter Eid + Idylle + Illusion und schon flogen mir Assoziationsketten zu, die mit einem (heimlichen) Schwur (der Treue?), der daraus folgenden idyllischen (weil sicher scheinenden) Beziehung und dem anschließenden (Treue-) Bruch (wegen Verrates) einhergingen.

Nun, die Nachschlagewerke zeigten mir etwas anderes: unter dem Begriff „Hellenikon Eidyllion“ gibt es zunächst eine interessante internationale musisch- kulturelle Begegnungsstätte in Griechenland, gegründet von Andreas Drekis, der die Einführung einer neuen Wissenschaft vorschlug, die er nicht Volkswirtschaftslehre, sondern „Volksglückslehre“ nannte. Er sagte:
„Hellenikon Idyllion ist ein Garten der Musen und des freien, philosophischen, klassischen griechischen Geistes.“
Aber das war nur ein Ausflug am Rande, darauf will ich hier nicht weiter eingehen.

Das Wörtchen kommt wirklich aus dem Griechischen und bedeutet „Bildchen oder kleines Gedicht (bes. mit Szenen aus dem Land- und Hirtenleben, eine Verkleinerungsform des griech. Wortes für Idyll)“.
Unter Theokrits (3.Jh. v. u. Z.) Gedichten, die später die Bezeichnung eidyllion erhielten, befinden sich u.a. auch Hirtenlieder. Damals wurde das Wort Idyll in lyrisch- dramatischer oder lyrisch- epischer Dichtung im Sinne von „ländlich- friedlich, beschaulich“ verwendet.
Nun denn, schauen wir einmal, ob Michael so ein kleines, etwas Kitsch vermutendes, Bildchen entwirft.

Insgesamt gesehen, habe ich den Eindruck von Ziellosigkeit, Wirrnis oder einer erfolglosen Suche nach einem Platz zum Leben. Es werden Menschen oder Geister vorgestellt, die die Sicht versperren, einem vom Weg abzubringen versuchen.
Und dieses Mal findet das ganze zum großen Teil auf der Bühne statt, erzählt wird aber aus der Perspektive des Zuschauers, der dem Geschehen nicht ganz folgen kann... und wenn dieser Teil mit dem vierten in Verbindung stünde, könnte man annehmen, dass das Pärchen entweder dem berauschenden, erotischen Erlebnis gedanklich nachhängt oder dass einer der beiden oben weiter spielen muss, während der andere ihm zusieht bzw. nicht ganz bei der Sache ist.
Das, was auf der Bühne geschieht, scheint im Kopf des oder der Zuschauer eine Metamorphose zum realen Leben durchzumachen: was gespielt wird, ist gleichzeitig auch Realität, nachempfindbar... mit Parallelen zum individuellen Erleben. Eine große Haltlosigkeit durchzieht das Empfinden in dieser Lage... also nix ist mit „Kitsch“, hätte ich sowieso auch niemals von Michael erwartet.

Aber betrachten wir das „Nichtkitsch- Bildchen“ doch etwas genauer.

"will verloren sein
dein blatt mit adern fuselt windlings
luftgetragen auf den schwingen der dynamik
hechelt farben vom geäst
und spinnt sich eigne lieder auf den weg"


Hier frage ich mich, ob die ersten beiden Zeilen zusammen hängen: will das „Ich“ sich im anderen verlieren oder will das „Du“ (dein Blatt) als Spielball des Windes, als Spielball des anderen betrachtet werden? Will man sich ganz allgemein im anderen aufgehen sehen, sich ihm willenlos oder schrankenlos ausliefern? Das stünde in Bezug auf Teil 4.
Was verbirgt sich hinter Blatt? Bezogen auf das Theater könnten es auch Noten oder Sprechtexte für Rollen sein. Die Dynamik, die einem Stück innewohnt, könnte beschrieben werden, so auch die Entfaltung der eigenen Rolle, ein Schauspieler, der sich vollkommen in seiner Rolle aufgehen sieht. ("und spinnt sich eigne lieder auf den weg")

"sie folgen falschen tönen
und sie finden ihren samen dortzubauchs
wo wasser tröge schmeichelt feuchtigkeit herauf
der erde nutzloser gestank
erbebt sekundenmal und neu"


Wer sind „sie“, die da so falsch spielen? Musiker, Schauspieler Menschen im Alltag, die den falschen Zielen folgen?
Die Strophe macht mich selber wuschig. Vielleicht sehen wir auch einen Regisseur, der stinkesauer auf seine Schauspieler ist, die nicht wahrhaftig genug spielen, man kann ihnen die Tränen nicht abkaufen? ("wo wasser tröge schmeichelt feuchtigkeit herauf") Das Stück zieht sich träge dahin, die Spannung scheint verloren gegangen zu sein.("der erde nutzloser gestank erbebt sekundenmal und neu")

"die zwitscherpanik in oktaven blanker nerven
sprengt herbei und reitet ihre eignen knochen
schindlich in den nacht und nebelhut hinein"


Das Stück wird total schräg (schlecht) interpretiert (gespielt), bleibt unglaubwürdig und steht damit in einem absoluten Kontrast zur Liebesszene des 4. Teils.
Es scheint nun zu Ende zu gehen.
Sollte allerdings eine Szene auf der Bühne gemeint sein, so geht es um Verfolgung, um Vorausahnung des Zuschauers, der bemerkt, dass sich eine Figur selbst zugrunde richtet.

"ein altgesicht, ein schlemmermaul und nagelaug
späht aus den höhlen die voll zunder
keinen platz erwähnen mögen der noch frei
fürs überleben angedacht dem irgendwem"


Wir sehen eine Szene auf der Bühne näher beschrieben. Darin kommt ein fetter oder gieriger, alter Herr vor, der vielleicht aus der Unterwelt/ Hölle, früher oder später kommt, um jeden abzuholen- der Teufel, der Tod? Kein Mensch kann ihm entrinnen.

"ich sage nicht wer hinter mir die türen
aus den angeln riss
du petzt es doch nicht weiter"


Nun ist meine Wirrnis als Leser komplettiert. Wer sagt was und wem nichts weiter? Was verbirgt sich hinter „Türen aus den Angeln reißen“?

Wenn ich etwas nicht sage, gibt’s auch nichts zum Petzen oder Verraten. Und der Widerspruch zwischen Nichtpetzen und dem Wunsch etwas zu verraten scheint doch auch nachvollziehbar. Diese drei Zeilen erinnern mich an die Unschuld eines Kindes, das sich selbst verrät, weil es noch nicht gelernt hat, perfekt zu lügen. Es verrät mit dem unterdrückten Geheimnis, dass es nicht für sich behalten kann, immer schon die Hälfte mit seinen Worten.

Oder „du petzt es doch nicht weiter“ meint eher eine Frage an jemandem, dem man in Begriff ist, gerade ein Geheimnis anzuvertrauen. Man hat schon Andeutungen gemacht, dass man etwas Verbotenes getan hat (der Liebesakt in Teil 4- der mit „türen aus den angeln riss“ gemeint ist). Das Bild zeigt, dass es ein einschneidentes Erlebnis war (der heimliche Liebesakt), dass dem Ich eingebrannt ist und dass seine bisherige Welt komplett verändert.

Ein wahrhaft unkitschiges Bildchen von einem Schäferstündchen an einem geheimen oder nur versteckten, unentdeckten Ort (hinter den Kulissen? des Theaters).

Eid + Idylle + Illusion – Ein Verschwiegenheitsabkommen scheint es zwischen den Liebenden aus Teil 4 nicht gegeben zu haben. Ob sich das ganze um ein idyllisches oder illusorisches Bild von Erotik oder von Liebe oder von Schauspiel handelt, bleibt offen und vielleicht sogar uninteressant, weil andere Dinge in den Mittelpunkt kommen könnten.

Ich könnte jetzt mal Brecht zu Rate ziehen, bevor du mir deine Meinung dazu sagst, ob du diesen Teil 5 eher als Prolog für die Folgeteile verwendest:

Wir haben viel gesehen und dennoch - als wir gingen, verblieb uns nur zu sagen: "... und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen"
(B. Brecht, Der gute Mensch von Sezuan).

Ein Idyll läuft ja häufig Gefahr, brutal zerstört zu werden, ist und war Stoff für viele Dichter der Vergangenheit und Gegenwart. Meist gibt es einen Helden, der sich selbst in Todesgefahr begibt, um diese Idylle (gemeint kann auch eine Angebetete sein) zu retten. Und somit bleibt dein Text (ohne –chen) spannend!

LG
Biggy (die hier nicht ganz durchblickt)

Antwort des Autors:

Natürlich ist das, was du über das Eidyllion herausgefunden hast, richtig.
Man kann jetzt freilich und völlig zurecht behaupten: Das ist ja gar keine Idyllendichtung!
Während der Aufklärung flammte erneut die Sehnsucht nach dem verlorenen Frieden und der Tugend eines goldenen Zeitalters aus der Zivilisationsmüdigkeit und überfeinerten Kultur auf. In dieser Zeit erfuhr die Idyllendichtung einen weiteren Höhepunkt, die Hirtendichtung war eindeutig Flucht aus der Gegenwart.
Aber ich will gar nicht weiter auf diesen Begriff eingehen, der für mich tatsächlich das "kleine Bild" bedeutet.
Weiter kann ich leider nichts zur Klärung beitragen, verfolge aber interessiert, welches Denken du dir zurecht legst.

Weitere Auseinandersetzungen mit der Gilde

Zum Hörerlebnis- Gildetexte, gelesen von Michael Perkampus

.

 

Am Fenster, Mischtechnik, 1996/ 2007 und Fenstermotive bei Kafka

Empfehlung: Sonate für Violine und Klavier (1917) von Claude Débussy, 1. Satz: Allegro vivo-
zu hören unter: Großartige Musik für neugierige Ohren (VI)
bei Ole Cordsen


Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloß ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün.
(1. Auszug aus Kafka, Das Urteil)


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Mit diesem Brief in der Hand war Georg lange, das Gesicht dem Fenster zugekehrt, an seinem Schreibtisch gesessen. Einem Bekannten, der ihn im Vorübergehen von der Gasse aus gegrüßt hatte, hatte er kaum mit einem abwesenden Lächeln geantwortet.

Endlich steckte er den Brief in die Tasche und ging aus seinem Zimmer...

(2. Auszug aus Kafka, Das Urteil)

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Oft lag er dort die ganzen langen Nächte über, schlief keinen Augenblick und scharrte nur stundenlang auf dem Leder. Oder er scheute nicht die große Mühe, einen Sessel zum Fenster zu schieben, dann die Fensterbrüstung hinaufzukriechen und, in den Sessel gestemmt, sich ans Fenster zu lehnen, offenbar nur in irgendeiner Erinnerung an das Befreiende, das früher für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu schauen. Denn tatsächlich sah er von Tag zu Tag die auch nur ein wenig entfernten Dinge immer undeutlicher; das gegenüberliegende Krankenhaus, dessen nur allzu häufigen Anblick er früher verflucht hatte, bekam er überhaupt nicht mehr zu Gesicht, und wenn er nicht genau gewußt hätte, daß er in der stillen, aber völlig städtischen Charlottenstraße wohnte, hätte er glauben können, von seinem Fenster aus in eine Einöde zu schauen, in welcher der graue Himmel und die graue Erde ununterscheidbar sich vereinigten. Nur zweimal hatte die aufmerksame Schwester sehen müssen, daß der Sessel beim Fenster stand, als sie schon jedesmal, nachdem sie das Zimmer aufgeräumt hatte, den Sessel wieder genau zum Fenster hinschob, ja sogar von nun ab den inneren Fensterflügel offen ließ.
(Auszug aus: Kafka, Die Verwandlung)

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